2019-09-24 23:39

Triumph und Tragödie des Zurich Film Festival

Nadja Schildknecht und Karl Spoerri geben die Leitung des Filmfests nach 15 Jahren ab. Sie haben viel überstanden. Wir auch.

Sie haben ihr Festival gross gemacht, jetzt treten sie ab: Nadja Schildknecht und Karl Spoerri. Foto: Walter Bieri (Keystone)

Sie haben ihr Festival gross gemacht, jetzt treten sie ab: Nadja Schildknecht und Karl Spoerri. Foto: Walter Bieri (Keystone)

Geht es darum, Aufmerksamkeit herzustellen, macht dem Zurich Film Festival niemand etwas vor. Zuletzt verschickte es zahlreiche Newsletter, in denen sich die Mitarbeiter gegenseitig interviewen und sogar skeptische Fragen stellen wie «Was bringt ein Wettbewerb mit TV-Serien?». Es ist ein Zeichen dafür, dass ein System erfolgreich funktioniert: wenn es die Kritik gleich selber produziert.

Das ist natürlich ein Triumph für ein Festival, das laut den Gründern Nadja Schildknecht und Karl Spoerri so oft schlechtgemacht wurde. Welche Häme haben die zwei erdulden müssen, und jetzt schaut her!

Dabei hat sich das ZFF nach der Gründung 2005 bald selbst in Widersprüche manövriert. Die Stars, die man holte, überstrahlten das Filmprogramm; weder zu den Galapremieren noch zu den Wettbewerben bekannte man sich mit ganzem Herzen; und auch wenn man die Organisation professionalisierte und in puncto Besucher und Selbstbewusstsein schnell gewachsen ist, wirkte die Festivalleitung angesichts der Verhaftung von Roman Polanski 2009 schwer überfordert.

Vor lauter Starglanz wussten auch die berichterstattenden Medien oft nicht mehr, was sie genau taten. Die Widersprüche waren insofern ansteckend. Das hat auch mit der Zeit zu tun, in der das Festival gross geworden ist. Mit der Digitalisierung löste sich eine einheitlich kulturinteressierte Öffentlichkeit auf. Gegen die Pluralisierung der Interessen kam man nur an mit Glamourproduktion und Eventisierung, und das beherrscht das ZFF hervorragend. Heute veranstaltet das Festival quasi die Tage der offenen Tür für die Zürcher Kinos, die allmählich ihrer Musealisierung entgegengehen.

Der technologische Wandel führte auch dazu, dass jede Nische zum Mittelpunkt wurde, alle irgendwo Insider waren. Das ZFF zeigte folglich jedes Jahr wieder alles Mögliche, ohne dass man sich an eine kuratorische Instanz halten konnte, die den Weg durchs Programm wies. Daheim fühlen sich viele Filmfans an diesem Festival bis heute nicht, da spielen auch Geschmacksfragen und das coole Wissen mit.

Der künstlerische Direktor Karl Spoerri betonte stets, er wolle keine Insider bedienen, sondern das Publikum ansprechen, wofür er sich völlig zu Recht nie geschämt hat. Bezüglich des Wettbewerbsprogramms allerdings heisst das bis heute, dass mit seltsam zielsicherem Instinkt eine Sammlung von mittleren Themenfilmen zusammengetragen wird, die sich meistens durch erzählerischen Schwung auszeichnen und manchmal durch nichts anderes. Wird es dem Selektionsteam einfach so schnell langweilig?

Die Stärke des Festivals sind heute die Galapremieren, als funkelnde Vitrine für den Kinoherbst hat sich das ZFF gemacht. Wer insofern noch immer über den «Cüpli-Anlass» stänkert und noch nie eine volle Vorführung besucht hat, wirkt genauso schlecht informiert wie die Ranschmeisser vom Dienst, die alles lobhudeln, was sich unter kreativwirtschaftlicher Standortförderung abbuchen lässt – dabei ist das Festival nun wirklich kein Start-up mehr, sondern gehört seit 2016 zur Abteilung «Business Medien» der NZZ-Mediengruppe.

Das ZFF schafft es aber immer noch, im gleichen Satz zu beeindrucken und zu nerven. Inzwischen, sagte Nadja Schildknecht jüngst in einem Interview, hätten sich «einige der schärfsten Kritiker des ZFF zu unseren Unterstützern gewandelt». Gönnt man ihr gern. Aber wieso klingt es so, als hätte sie ein paar neue Sponsoren hinzugewonnen?