2020-01-13 08:39

Mit 26 schon der erfolgreichste Schweizer Slalomfahrer

Daniel Yules Sieg am Chuenisbärgli lässt die Schweiz erstmals seit 12 Jahren wieder jubeln. Wer ist der Mann?

«Ich tat, was ich zwischen zwei Läufen immer tue: Ich ass etwas und sprach mit den anderen»: Daniel Yule, Slalom-Champion in Adelboden. Foto: Marco Tacca (Keystone)

«Ich tat, was ich zwischen zwei Läufen immer tue: Ich ass etwas und sprach mit den anderen»: Daniel Yule, Slalom-Champion in Adelboden. Foto: Marco Tacca (Keystone)

Und dann kocht der Kessel über. Als Daniel Yule durch den Zielbogen fährt und Weiss auf Grün –0,23 aufleuchtet, gibt es auf der imposanten Tribüne in Adelboden kein Halten mehr. Der Walliser triumphiert vor Henrik Kristoffersen und Marco Schwarz. Derweil sich auf den Rängen alles in den Armen liegt, schreit er seine ganze Freude hinaus.

Wer diese Emotionen verstehen will, muss die Geschichte des Weltcups am Chuenisbärgli kennen. Anders als in Wengen brillieren in Adelboden meistens die anderen. Erst einmal stand hier im Slalom ein Schweizer auf dem Podest, das war 2007 Marc Berthod. Ein Jahr später siegte der Bündner im Riesenslalom nochmals, worauf eine lange Durststrecke folgte.

Besser als Zurbriggen

Die Art und Weise, wie Yule am Chuenisbärgli triumphiert, ist beeindruckend. Als Führender des ersten Laufs wusste der 26-Jährige natürlich um die Erwartungen, welche Tausende Fans nun in ihn stecken. «Doch ich war ganz relaxt. Ich tat, was ich zwischen zwei Läufen immer tue: Ich ass etwas, sprach mit den anderen und sah mir zusätzlich den Kombinationsslalom der Frauen an.» Dann setzt er seinen Plan in die Tat um, attackiert voll – und erleidet damit beinahe Schiffbruch. Denn im Mittelteil unterläuft ihm ein Fehler, der Sieg scheint weg. Doch Yule meistert den schwierigen Zielhang grandios. «Und als dann die Zeit im Ziel Grün aufleuchtete, war das schon unglaublich.»

Vor beeindruckender Kulisse dem Sieg entgegen: Daniel Yule sorgt in Adelboden für rare Schweizer Slalom-Glücksgefühle. Foto: Marco Tacca (Keystone)

Den letzten Schweizer Sieg von Berthod sah sich der damals 14-jährige Daniel am TV an. Er habe dabei nicht einen Moment daran gedacht, einmal selbst so etwas zu schaffen, «das wäre völlig utopisch gewesen». Denn Yule war kein aussergewöhnliches Talent. Aber der ehemalige Weltcup-Sieger Didier Plaschy förderte und forderte ihn. Und Yule entwickelte sich stetig weiter. Er war lange auf hohem Niveau der konstanteste Athlet im Schweizer Team. Was fehlte, war der Ausreisser.

Dann feierte er vor Jahresfrist beim Nachtslalom von Madonna di Campiglio seinen ersten Weltcup-Sieg – das veränderte alles. «Da hat er Blut gerochen», sagt der Schweizer Slalomtrainer Matteo Joris. «Heute wollte er nicht Zweiter oder Dritter werden, er hatte nur den Sieg im Kopf.» Und so feiert Yule vier Tage nach seinem zweiten Triumph in Madonna di Campiglio den grössten Erfolg seiner Karriere. Drei Weltcupsiege im Slalom, das gelang noch keinem Schweizer – nicht einmal dem grossen Pirmin Zurbriggen (2).

Der britischste Walliser

An sich ist es schon sonderbar, dass aus Yule ein Skifahrer geworden ist. Weil Vater Andrew und Mutter Anita – ein Engländer und eine Schottin – zwar sport-, aber nicht unbedingt skibegeistert sind. Als der Filius der Familie eröffnete, dass er Skiprofi werden will, sagte der Vater: «Du wirst dein Geld eher mit dem Kopf als mit den Beinen verdienen, bis 18 gehst du zur Schule.» Damit habe er recht gehabt, meint Yule lachend: «Denn um Rennen zu gewinnen, brauchst du den Kopf auch.» Den Rat seiner Eltern hat er gleichwohl beherzigt und ein Wirtschaftsstudium an einer britischen Fern-Universität abgeschlossen.

Und obwohl er sich als Walliser bezeichnet, ist er stolz auf seine britischen Wurzeln. Das schottische Nationalgericht Haggis (gefüllter Schafsmagen) schätzt er ebenso wie Raclette. Und natürlich darfs auch einmal ein guter Single Malt sein. Nur nicht während der Saison. Da verzichtet Yule auf fettige Speisen und Alkohol – das scheint sich zu lohnen.