2019-08-05 12:02

«Die Frage ist: Was machen wir mit dem ärmsten Teil der Menschheit?»

Bei Klimawandel sowie Migration sollten wir uns andere Kriterien überlegen, um Menschen besseren Schutz zu geben, fordert der Politologe Benjamin Schraven.

Die Trockenzeit zwingt sie dazu, das Vieh ins Tiefland zu treiben: Jugendliche Hirtin mit der Rinderherde ihrer Familie im Südsudan. Foto: Stefanie Glinski (AFP)

Die Trockenzeit zwingt sie dazu, das Vieh ins Tiefland zu treiben: Jugendliche Hirtin mit der Rinderherde ihrer Familie im Südsudan. Foto: Stefanie Glinski (AFP)

  • Andrea Bachstein

Seit Jahrzehnten wird prophezeit, der Klimawandel werde viele Menschen vertreiben. Der Klimawandel hat eingesetzt. Gibt es nun auch Klimaflucht?
Jein. Es gibt diese Szenarien, dass der Klimawandel in Afrika in den nächsten Jahren eine riesige Fluchtwelle nach Europa in Gang setzen wird, weil die Wüste voranschreitet, der Meeresspiegel steigt und die Leute dann ja wegmüssen. Aber wir haben seit 10, 15 Jahren grössere Forschungsprojekte weltweit, in Westafrika, Südasien, den pazifischen Inselstaaten. Da kommen wir überall zu dem Ergebnis, dass die Zusammenhänge deutlich komplexer sind, als man gemeinhin annimmt.

Inwiefern?
Es gibt ökologisch anfällige Situationen, wo Menschen tatsächlich fliehen müssen, etwa am Horn von Afrika. Die Dürreneigung dort ist hoch, durch den Klimawandel steigt sie wahrscheinlich weiter. Aber die Menschen dort fliehen, weil sie generell in fragilen Zuständen leben, geprägt von Gewaltkonflikten und dem Fehlen staatlicher Strukturen.

Es gibt sehr verschiedene Zahlen dazu, wie viele Menschen wegen des Klimas fliehen – von gut 2 bis 20 Millionen.
Diese Zahlen sollte man in politischen Diskussionen ein Stück weit vergessen. Es fängt an mit der Definition. Es ist komplex, zu Umweltfaktoren kommen soziale, kulturelle, konfliktbezogenen Gründe, die Migration und Flucht bedingen. Ab wann ist der Einfluss des Klimas so stark, dass man von Klimaflucht reden kann? Wir haben keine allgemein gültige beziehungsweise akzeptierte Definition des «Klimaflüchtlings». Nach Zahlen des Internal Displacement Monitoring Center, das Daten zu Vertreibung und Flucht innerhalb von Ländern sammelt, kommen im Jahr mehr als 20 Millionen Menschen dazu. Rechnet man das zurück, vergleicht es mit den Zahlen des UNHCR von weltweit gut 68 Millionen Flüchtlingen, geht das natürlich nicht auf. Das liegt auch daran, dass ein erheblicher Teil dieser 20 Millionen in ihre Heimat zurückkehrt oder Leute als vertrieben registriert werden, obwohl sie bei Naturkatastrophen zu Hause in ihren zerstörten Häusern bleiben.

Muss man also bei der Definition von Klimaflucht kapitulieren?
Die Trennschärfe ist das Problem. Vielleicht sollten wir in der politischen Diskussion weg vom Kriterium «klimabezogen». Denn was bringt uns das, und vor allem – was bringt es den betroffenen Menschen? Zweckmässiger wären neue Kategorien wie «menschliche Sicherheit», also ob ein bestimmtes Niveau der Sicherheit für die Menschen unterschritten wird.

Wo Leben und Gesundheit bedroht sind, egal wodurch?
Ja, egal ob das im Zusammenhang mit Klimawandel und anderen Faktoren geschieht, ob der Klimawandel dabei dominant war – wenn sich das überhaupt so leicht messen liesse. Wir sollten uns andere Kriterien überlegen, um Menschen besseren Schutz zu geben. Kategorien, die weit über die der Genfer Flüchtlingskonvention hinausgehen. Ein Ziel wäre auch, zu einer anderen Haltung zu Migration zu kommen. Durch den Globalen Migrationspakt etwa, wo wir anerkennen, Migration ist per se nicht negativ und nicht positiv. Wir müssen sie akzeptieren als etwas, was Menschen eben tun, und positive Aspekte fördern, negative minimieren.

«In der Politik müsste man diskutieren: Was machen wir mit dem ärmsten Teil der Menschheit?»Benjamin Schraven, Politik- und Sozialwissenschaftler

Und was ist nun dran an den Katastrophenszenarien, dass Zigmillionen Leute in Europa ankommen aus Afrika und Südasien?
Dass der Klimawandel Einfluss hat auf das Migrationsverhalten, können wir mit Sicherheit beobachten. Diese Bewegungen spielen sich aber meist innerhalb ihrer Weltregion ab, Westafrika, Südasien. Dass Klimawandel Einfluss hätte auf grössere Migrationsbewegungen über grössere Distanzen, etwas von Ostafrika nach Europa, müssen wir noch genauer anschauen. Aber insgesamt ist nicht zu erwarten, dass der Klimawandel in den nächsten Jahren eine gigantische Flüchtlingsbewegung auslösen wird.

Meist treffen Naturkatastrophen und Klimawandel jene, die schon arm sind, in wenig geschützten Umständen leben, ohne Mittel zur Flucht.
Der Zusammenhang von Klimawandel und Migration ist zum grössten Teil eine Armutsproblematik. Hauptbetroffene sind kleinbäuerliche Haushalte, Viehnomaden, Fischer, auch städtische Arme. Viele Grossstädte etwa in Afrika, wie Dakar, Lagos, Accra, Mombasa, liegen am Meer. Da gibt es heute schon eine Flutproblematik, dazu kommt schlechte Infrastruktur. Das ergibt ein riesiges Problem. Deshalb müsste man die Armutsproblematik als Wichtigstes in der internationalen Politik diskutieren – was machen wir mit dem ärmsten Teil der Menschheit?

Und, was machen wir?
In der Debatte um Klimawandel und Migration wird gerade ein Konzept in der Wissenschaft viel diskutiert – Mobilität als Anpassungsstrategie. Wir tun ja meist, als wäre Migration grundsätzlich ein Problem. Aber die Leute nutzen Mobilität auch, um sich an Folgen des Klimawandels anzupassen. Die Migration, die im Kontext von Klimawandel schon stattfindet, ist saisonale oder zirkuläre Arbeitsmigration. Leute gehen in die kommerzielle Landwirtschaft, in den informellen Sektor der Städte, um eine Zeit lang Geld zu verdienen und heimzuschicken. So können sie auch Folgen des Klimawandels wie Ernteverluste und Wasserknappheit ein Stück weit kompensieren.

Also ist alles halb so schlimm?
Die Gefahr besteht genau darin, dass man sagt: Ach ja, es gibt den Klimawandel, doch die Wissenschaft sagt auch, dass die Menschen sich durch Migration anpassen können. Denn dann ist die Verantwortung des globalen Nordens natürlich wieder raus aus der Diskussion, und es befördert eine neo-liberale Sichtweise nach dem Motto «Klasse, die Menschen nehmen ihr Schicksal in die eigenen Hände». Wir sollten hier darauf achten, dass die Rechte und Lebensbedingungen von Migranten verbessert werden.

Klimawandel hin oder her, die Leute setzen sich sowieso in Bewegung?
Sorglosigkeit wäre sicherlich falsch, weil der Klimawandel real ist. Aber das Horrorszenario der Klimaflüchtlinge, die millionenfach kommen, wird in absehbarer Zeit nicht eintreten. Welche Folgen der Klimawandel haben wird, etwa Konflikte um Wasser in einzelnen Regionen, die dann Fluchtbewegungen auslösen, wissen wir einfach nicht. Es ist erschütternd, was sich Kollegen und Kolleginnen da in der Vergangenheit geleistet haben. Die bis heute beliebteste Prognose, und nicht totzukriegen, sprach von 200 Millionen Klimaflüchtlingen bis Mitte des 21. Jahrhunderts. Das stammt von 1995, als die Klimawissenschaft noch nicht so weit war. Was man da als Grundannahmen ansetzte, ist geradezu hanebüchen. Aber die Zahl wird immer wieder benutzt, auch von internationalen Institutionen.

Wo setzt man da als Forscher an?
Wir diskutieren heute Fragen, wie sich etwa das Konzept von Migration als Anpassung definieren lässt. Wir suchen Finanzierung für Forschungen, die hinausgehen über den Ansatz «Kommen die Klimaflüchtlinge oder nicht?». Wir sagen, bei den grossflächigen internationalen Wanderungen spielt Klimawandel nicht die ganz grosse Rolle, aber welche Rolle spielt er dann? Und in der Politikberatung versuchen wir, vom alarmistischen, leicht apokalyptischen Bild der Millionen Klimaflüchtlinge wegzukommen. Alarmismus bringt nichts. Stattdessen sollten wir die wichtigeren Fragen anstossen wie Armut oder sogenannte Trapped Populations.

<b>Benjamin Schraven</b> Der Politik- und Sozial­wissenschaftler forscht am Deutschen Institut für Entwicklungspolitik in Bonn.
<b>Benjamin Schraven</b> Der Politik- und Sozial­wissenschaftler forscht am Deutschen Institut für Entwicklungspolitik in Bonn.