2019-10-25 14:44

In der Hauptrolle, aber im falschen Film

Sven Bärtschi hat es unerwartet in die AHL nach Utica verschlagen. Er will weg, zurück in die NHL. Wie er trotzdem das Beste aus der Situation macht. Und noch viel mehr.

Plötzlich in der AHL: Sven Bärtschi in den Katakomben des «Adirondack Bank Center», der Heimstätte der Utica Comets.

Plötzlich in der AHL: Sven Bärtschi in den Katakomben des «Adirondack Bank Center», der Heimstätte der Utica Comets.

(Bild: Kristian Kapp)

Die Stadt der zweiten Chance. Die Stadt, die Gott vergass. Utica, die 70’000-Seelen-Stadt mitten im US-Bundesstaat New York kennt einige Spitznamen. «Wir nennen sie bloss Mob-Town», sagt hingegen der Taxifahrer aus dem eine Stunde Autofahrt entfernten Syracuse, dem nächsten richtig grossen Ort.

Es ist vielleicht die Arroganz des grossen «Bruders» westlich, es sind die Leute aus Utica, die nach Syracuse fahren, um etwas zu erleben, nicht umgekehrt.

Mob-Town, Gangsterstadt. Sven Bärtschi kennt das, er kennt auch die alten Geschichten, eine kann er gleich erzählen: «Al Capone kam jeweils nach Utica, um sich hier zu verstecken. Und ich will gar nicht erst wissen, was hier in den Hotels früher alles abging.»

Sagt’s und lacht laut. Es ist gut getimter Galgenhumor. Denn eigentlich ist Bärtschi derzeit nicht zum Lachen zumute. Und er wohnt vorerst genau dort: In einem dieser Hotels in Utica.

Der Adirondack Bank Center, Heimstadion der Utica Comets. (Bild: Kristian Kapp)

Die Stadt der zweiten Chance. Den kannte der 27-jährige Langenthaler noch nicht. «Aber der ist gut. Der passt, oder?», sagt er fragend. Und wie der passt. Bärtschi ist seit knapp zwei Wochen in Utica, er machte Schlagzeilen rund um die NHL, als er von den Vancouver Canucks, seiner NHL-Mannschaft, ins AHL-Farmteam verbannt wurde.

In den letzten vier Jahren war er meistens Teil der ersten oder zweiten Linie Vancouvers gewesen, die Abschiebung überrumpelte nicht nur ihn. Er überraschte auch die Fans der Canucks. Viele von ihnen sorgten für einen Sturm der Entrüstung in den sozialen Medien.

Am Mittwoch war Shooting des Teamfotos bei den Utica Comets. (Bild: Kristian Kapp)

Die grosse Distanz zwischen NHL- und AHL-Team

Das Telefongespräch Ende September, kurz vor Saisonstart, das hat Bärtschi noch im Ohr. Man teilte ihm mit, dass er auf die Waiver-Liste gesetzt werde, das ist Bedingung, um einen Spieler vom Status’ Bärtschis in die AHL abschieben zu können. 24 Stunden lang bleibt man auf der Liste, in dieser Zeit haben alle anderen 30 NHL-Teams die Möglichkeit, den Spieler zu verpflichten – einfach so, ohne Tauschgeschäft.

«Ich hoffte es», sagt Bärtschi. Doch niemand war bereit, ihn zu übernehmen. Er kann sich die Gründe zusammenreimen: «Zu Saisonbeginn haben alle Teams ihr Kader zusammen. Und ich verpasste letzte Saison fast 60 Spiele verletzt. Sowas verunsichert die anderen Mannschaften.»

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Abschieben ist nicht gleich abschieben: Clicken Sie sich durch die Bildstrecke, wo die 31 NHL-Mannschaften ihre jeweiligen AHL-Farmteams haben – und welchen Reiseaufwand die Reise von A nach B für den Spieler bedeutet.

Vancouver und Utica. Es ist die grösste Distanz zwischen einem NHL-Club und seinem AHL-Partner, mindestens acht Stunden dauert die Flugreise mit Stopp und Endstation Syracuse (siehe Karten in der Bildstrecke oben), danach geht es per Auto weiter, weil eben: Syracuse ist gross, hat einen internationalen Flughafen, Utica nicht.

Und weil sich Bärtschis Arbeitsort auch noch aus Kanada in die USA verlagerte und er eine Woche aufs Visum wartete, blieb ihm einiges mehr an Zeit zum Nachdenken: «Ich fragte mich vieles: Was ist der nächste Schritt? Was ist der Plan? Wie sieht es in Zukunft aus mit den Canucks und mir?»

In Utica ist Eishockey beliebt, auf diesem Banner wird ein AHL-Rekord zelebriert: 121 Heimspiele hintereinander ausverkauft. (Bild: Kristian Kapp)

Natürlich hatte auch er mitbekommen, wie die Cancuks diesen Schritt offiziell begründeten: «Ich passe offenbar nicht mehr in die neue Mannschaft», sagt Bärtschi und zuckt mit den Schultern – er scheint nicht genau zu wissen, was er davon halten soll. «Ich sagte mir also: Jetzt beisst du dich da durch und zeigst dich all den anderen NHL-Teams, so gut es geht.» Und wie er das macht. Acht Skorerpunkte nach vier Spielen mit Utica sind ein erstes Argument dafür, dass Bärtschi hier eigentlich fehl am Platz ist .

«Wir gehören nicht hierher»

Bärtschi tut das in einer Linie mit Nikolai Goldobin, der Russe hat sogar schon neun Punkte, und alles, was bislang zu Bärtschi gesagt wurde, gilt auch für ihn. Sie sind «Partners in Crime», Komplizen, die «versuchen, uns gegenseitig zu pushen. Es ist umso besser, dass wir zusammen spielen. Wir können zeigen, dass wir nicht in diese Liga gehören.»

Die beiden aus Vancouver abgeschobenen Stürmer machen eine bereits äusserst talentierte AHL-Truppe zu einem bislang ungeschlagenen Überteam, das zuletzt 6:2, 8:2 und 7:1 gewann. Cheftrainer Trent Cull, seit drei Jahren im Amt, spricht vom talentiertesten Team, das er je gecoacht habe.

Vor einem Jahr, im Oktober 2018, das Leben in Vancouver als «halber Amerikaner»: Eine Fahrt mit Sven Bärtschi durch die Stadt Richtung Heimarena. (Video: Kristian Kapp)

Die Siege, sie tun Bärtschi gut, «uns allen tun sie gut», betont er. Im Training im Adirondack Bank Center, der Heimarena der Comets, da ist bei Bärtschi stets ein Lachen im Gesicht, er flachst mit den Teamkollegen herum. «Bin ich auf dem Eis, habe ich eine Riesenfreude, das geniesse ich, egal, ob ich in der NHL oder der AHL bin.»

Er habe in Utica zudem eine Verantwortung wahrzunehmen, sagt Bärtschi: «Ich bin auch hier, um den jüngeren Spielern zu helfen, um ihnen zu zeigen, dass ich auch trotz meiner knapp 300 NHL-Spiele auch hier mein Bestes gebe.»

Auch er ist «fremd» hier, ein Alien: Im Fanshop der Utica Comets wird man begrüsst von Maskottchen Audie. (Bild: Kristian Kapp)

Am Ende gehe es eben auch darum: «Ich kann Eishockey spielen.» Die letzte Saison mit den Verletzungen, der Gehirnerschütterung, der Ungewissheit, ob sogar das Ende der Karriere drohe, sie fasst Bärtschi mit einem Wort zusammen: «Alptraum.»

Im Hotel warten Frau und Kind

Kommt er nach den Spielen und dem Training ins Hotel, dann warten dort Ehefrau Laura und Söhnchen Callan, der erst letzten April ins Leben der beiden kam und es auf den Kopf stellte. Immerhin ist das ein Vorteil: Als AHL-Spieler sieht er sie häufiger, die Reisen sind viel kürzer als in der NHL.

Nur Husky Bear, der für Bärtschi so viel mehr als «bloss» ein Hund ist, fehlt – «weil ich ihm dieses Leben im Hotel nicht antun wollte.» Bear weilt in Portland, Oregon, bei den Eltern Lauras, Bärtschi hatte sie dort vor neun Jahren kennengelernt, als er im Juniorenteam der Stadt spielte. Ihr Lebensmittelpunkt zwischen den Eishockey-Saisons ist immer noch dort.

Sven Bärtschi und seine Ehefrau Laura «feiern» Hund Bear – nach Utica haben sie ihn aber nicht mitgenommen. (Quelle: Twitter)

Doch die ungewisse Situation stellt die junge Familie vor Herausforderungen, die erste Woche verbrachte Bärtschi alleine in Utica, erst als er das Hotel wechseln und in ein grösseres Zimmer mit Küche konnte, kamen die beiden nach. «Wie Laura das alles managt, ist Weltklasse, sie ist eine Super-Mom», sagt Bärtschi.

Wie es weitergeht, ob sie sich bald ein Haus suchen sollen in Utica – all das ist offen. Sein Agent André Rufener weilt in den USA, er sprach kürzlich sowohl mit Trainer als auch General Manager der Canucks – es ist eine Suche nach Lösungen. «Sie sagten, die Türe in Vancouver sei für mich noch nicht zu», erzählt Bärtschi und sinniert: «Aber wenn ich offenbar nicht ins Team hinein passe, weiss ich auch nicht, wie die Zukunft aussieht dort …»

«Partners in Crime»: Sven Bärtchi trifft für Utica gegen die Charlotte Checkers auf Zuspiel Nikolai Goldobins. (Video: AHL.tv/YouTube)

Ein kleiner Trost: Als AHL-Spieler in Utica verdient Bärtschi mehr als er als NHL-Akteur in Vancouver würde. Der Grund: Sein Ein-Weg-Vertrag garantiert ihm zwar den identischen Lohn in NHL und AHL, doch im Gegensatz zur grossen Liga muss er im Farmteam nicht über 10 Prozent des Salärs in den sogenannten «Escrow» einzahlen, einem Treuhandfonds, den die NHL am Ende der Saison für Ausgleichszahlungen benützt an die Teams bei tiefer als erwartet ausgefallenen Gesamteinnahmen.

Erinnerungen an 2015

Bärtschi war ja schon einmal in Utica. 2015, als er via Transfer von den Calgary Flames zu Vancouver stiess und die Saison im Farmteam beendete, mit dem er bis in den AHL-Playoff-Final kam. Zwei der damaligen Teamkollegen, Carter Bancks und Wacey Hamilton, «ewige» AHL-Spieler, sind tatsächlich immer noch hier.

Das hat den Schweizer besonders gefreut, weil «Leute, mit denen du so weit kommst in einer Saison, die bleiben für dich immer speziell.» Es ist also wieder ein wenig wie damals. Bärtschi muss sich den Platz in der NHL wieder von neuem erkämpfen. Utica, die Stadt der zweiten Chance? Passt.


Eisbrecher – der Hockey-Podcast von Tamedia

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