2017-03-23 02:16

Heikle Patienten

Schimmel, Flecken, Frassspuren: Die Werke aus dem Gurlitt-Nachlass stellen die Bildrestauratoren vor grosse Herausforderungen. Nicht alle Spuren sollen jedoch entfernt werden.

Gefrässige Schimmelpilze: Restauratorin Nathalie Bäschlin zeigt eine Nahaufnahme eines Gurlitt-Bildes. Foto: Adrian Moser

Gefrässige Schimmelpilze: Restauratorin Nathalie Bäschlin zeigt eine Nahaufnahme eines Gurlitt-Bildes. Foto: Adrian Moser

  • Regula Fuchs

  • Bern

«Alarm-Zone» heisst es auf dem Zettel, der an der Lifttür klebt. Ab hier also geht es in jene Räume des Berner Kunstmuseums, die dem Personal vorbehalten sind: ein labyrinthisches Ensemble von Büros, Treppen, Warenliften, Ateliers. Hierher werden sie kommen, die Bilder aus dem Nachlass von Cornelius Gurlitt, mit dem dieses Haus seit dem 6. Mai 2014 unverhofft verbunden ist.

Es mag Momente seit Gurlitts Tod ­gegeben haben, in denen die Verantwortlichen des Kunstmuseums einen Anflug von Verzweiflung spürten – so wie die Männer auf Ferdinand Hodlers Bild «Die enttäuschten Seelen», das in dem Atelierraum steht, in dem Nathalie Bäschlin arbeitet. Sie leitet die Abteilung Restaurierung und Konservierung und war eine der Ersten, welche die Bilder aus der Sammlung Gurlitt vor sich ­hatten. Man möge die Kaffeetassen draussen lassen, bittet sie, schliesslich nehmen wir gleich neben einem Hodler Platz. Vor dem Gemälde steht auf einem Rollwagen ein Computer, darauf die ­Mikroskopaufnahme eines Bildrands: Ein wenig wie geologische Schichtungen sieht das aus.

Beinahe kompostiert

Schon kurz nachdem bekannt wurde, dass Gurlitt sein Erbe dem Kun­stmuseum vermacht, wurde Nathalie Bäschlin über den Umfang der Sammlung informiert. Und über den Zustand der Bilder. Einerseits waren das die Gemälde und Papierarbeiten, die in Gurlitts Münchner Wohnung gefunden wurden, anderseits jene aus seinem Haus in Salzburg. Der Zustand der Salzburger Werke sei ausserordentlich prekär gewesen, sagt Bäschlin. «Es gab Schäden, mit denen wir oft zu tun haben, Risse zum Beispiel und Verstaubungen. Daneben aber auch eine krasse Schimmel­bildung.» Gemälde von Degas, Monet, Gauguin oder Cézanne hatten jahrelang in einem ungeheizten, feuchten Haus ­gelegen; eine perfekte Umgebung für ­Mikroorganismen. Der Zustand der Werke veranlasste einen Restaurator zur Äusserung, es gebe da einen Courbet «im Stadium der Kompostierung».

Dass Sofortmassnahmen nötig waren, erkannte auch der Nachlassverwalter, der kurz nach dem Fund zwei Restaurierungsfirmen damit beauftragte, die Ausbreitung des Schimmels zu stoppen. Nathalie Bäschlin zeigt eine Fotografie, das die Rückseite eines Gemäldes zeigt: Leinwand und Rahmen sind übersät von Spinnweben, Frassspuren, Schimmel und Flecken. Nach der restauratorischen Erste-Hilfe-Behandlung sind fast alle Verunreinigungen verschwunden, nur kleine Pflaster auf dem Rahmen zeugen vom Eingriff. «Das Gröbste konnte behoben werden. Das Problem ist allerdings nicht gelöst: Die Pilzsporen sind ja nicht nur an der Oberfläche, sondern auch in der Struktur. Das werden wir hier sehr genau beobachten müssen.» Sogar von einer Quarantäne­station spricht Bäschlin.

So weit ist es aber noch nicht. Zunächst wurden die Salzburger Patienten transportfähig gemacht und nach ­München gebracht. Dort befindet sich das ganze Konvolut derzeit in einem Kunstlager. In Bern ist also noch kein einziges Werk angekommen; der langwierige Erbstreit mit Gurlitts Cousine Uta ­Werner hat das verhindert. Im Dezember entschied schliesslich das Münchner Oberlandesgericht, dass ­Cornelius Gurlitt testierfähig gewesen sei und das Kunstmuseum Bern somit der rechtmässige Erbe. Seither laufen die Vorbereitungen für die Ausstellung «Bestandsaufnahme Gurlitt». Ein Teil der Sammlung wird ab November in Bern gezeigt, ein weiterer zeitgleich in der Bundeskunsthalle Bonn.

Warten auf Gurlitts Schätze

Im Juni sollen die ersten Bilder nach Bern kommen. Welche genau, das wissen im Moment auch Nathalie Bäschlin und ihr Team nicht. «Wir warten sehnlichst auf die Listen.» Denn die Ankunft der Werke bedeutet für sie vor allem: Die Arbeit, die man bis jetzt erst aus der Distanz und mithilfe der Restauratoren, die als Erste beigezogen wurden, vorbereitet hat, kann dann endlich losgehen.

Dazu wird die fest angestellte Belegschaft der Abteilung Restaurierung und Konservierung, insgesamt 500 Stellenprozente, mit externen Kräften aufgestockt werden müssen, so viel steht fest. Denn die Arbeit an einem verschmutzten oder beschädigten Bild kann Wochen dauern. «Das heisst nicht, dass man acht Stunden täglich daran sitzt. Aber oft sind Analysen und Recherchen nötig. Und die dauern», sagt Bäschlin. Zudem werden zusätzliche Räume nötig – in dieser Hinsicht stösst das Team schon jetzt an seine Grenzen. Und deshalb wird es im Sommer einen Teil des Ausstellungsgeschosses besetzen: «Dafür werden wir diese Räume während der Arbeiten für das Publikum ein Stück weit zugänglich machen.»

Dieser öffentliche Einblick in die Restaurierungsarbeiten ist hier nicht bloss ein Marketinggag, sondern zeigt, wie aussergewöhnlich die Herausforderungen dieser Sammlung sind. Denn es handelt sich um Kunstwerke, die mehr als andere eine Geschichte erzählen – jene von Cornelius Gurlitt und seinem Vater Hildebrand, der einer von Hitlers Kunsthändlern war. Nun könnte man meinen, dieser Kontext spiele keine Rolle, wenn es um die Beseitigung von Schimmel geht. Aber der Nachlass Gurlitt ist eben auch, wenn es um restauratorische ­Detailentscheidungen geht, kein Normalfall. Schliesslich sollen die Werke nicht losgelöst von ihrem historischen Kontext oder ihrer Herkunft als teilweise verfolgungsbedingt entzogene Kunst ­gezeigt werden. «Der Zwiespalt für uns ist der, dass gewisse Spuren dieser ­Geschichte schädigend sind für das Kunstwerk, anderseits als Teil davon bewahrt werden sollen», erklärt Nathalie Bäschlin.

Besondere Präsentation

Konkret bedeutet das beispielsweise, dass man bestimmte Stempel oder Klebezettel auf den Bildern oder Rahmen nicht entfernen wird. Oder dass man sich etwa bei Cézannes «La Montagne Sainte-Victoire», das stark verschmutzt und voller Schimmel in Salzburg gefunden wurde, ganz genau fragt, wie weit man die Verfallserscheinungen tilgen wird. «Falls wir diesen Cézanne in der Ausstellung zeigen, dann liegend in einer Vitrine. Also nicht in einen Rahmen gespannt, sondern genau so, wie er gefunden wurde.» Der Verzicht auf gewisse restauratorische Massnahmen hat auch Einfluss auf die spätere museale Karriere eines Bildes: «Einzelne Werke werden aufgrund von gut sichtbaren Schäden im normalen Museumskontext nicht ausgestellt werden.»

Gerade im Fall des angesprochenen Cézanne-Gemäldes ist aber noch gar nicht klar, ob es überhaupt je nach Bern kommt. Denn das Kunstmuseum hat bei der Annahme des Erbes betont, nur jene Werke in die Schweiz zu holen, die frei vom Raubkunstverdacht sind. Noch immer ist die Provenienzforschung beim Deutschen Zentrum Kulturgutverluste in vollem Gange; definitiv abgeklärt oder rückerstattet ist erst ein kleiner Teil der insgesamt 1578 Werke. Trotzdem rechnet man in Bern mit einer stattlichen Anzahl an Gemälden und vor allem Arbeiten auf Papier.