2019-05-20 22:49

Einsamkeit als politischer Spaltpilz

Wer isoliert lebt, lässt sich eher von populistischen Versprechen ködern.

Die Anonymität von Grossstädten begünstigt die Vereinsamung. Foto: iStock

Die Anonymität von Grossstädten begünstigt die Vereinsamung. Foto: iStock

  • Barbara Bleisch

Die Demokratie sei auf ein Gemeinschaftsgefühl angewiesen, befindet der französische Filmemacher und Essayist Raphael Glucksmann im Buch «Die Politik sind wir!», das letzte Woche im Hinblick auf die Europaparlamentswahlen erschienen ist. Die grösste Gefahr für die Demokratie ortet er deshalb in unserer «Gesellschaft der Einsamkeit». Wenn wir das demokratische Gefühl der Gemeinsamkeit nicht von unten stiften, sondern als vereinzelte Bürger agieren, würden wir anfällig für Gemeinschaftsversprechen von oben: für krude Nationalismen und aufgeplusterte Heimatversprechen. Wer aus allen Netzen fällt und sich im Wettbewerb auf sich allein gestellt sieht, droht in die Arme jener überzulaufen, die ihnen Anerkennung und Zugehörigkeit versprechen.

Tatsächlich kommt es wohl kaum von ungefähr, dass Grossbritannien ausgerechnet zum Zeitpunkt grössternationaler Spaltung letztes Jahr ein«Ministerium für Einsamkeit» eingerichtet hat. Kaum eine Zeitung, die in der Folge nicht über die Gefahren der «Epidemie im Verborgenen», als die das Rote Kreuz die Einsamkeit bezeichnet, berichtet hätte. Kaum ein Land, in dem nicht Begehren für ähnliche Initiativen laut geworden wären. Denn das «Volksleiden Einsamkeit» soll nicht nur unsere Demokratie gefährden, sondern schädlicher sein als Diabetes oder 15 Zigaretten am Tag, warnte Psychiater Manfred Spitzer: Die «unerkannte Krankheit» sei «schmerzhaft, ansteckend, tödlich».

Keine Frage: Einsamkeit kann grausam sein. Dass es Menschen gibt, die über Wochen hinweg niemanden haben, der sich nach ihnen erkundigt, macht betroffen. Doch von einer Epidemie zu sprechen, vertuscht, dass Einsamkeit mitunter der Preis ist, den wir für neue Freiheiten bezahlen: unsere Heimat verlassen zu dürfen und als globale Arbeitsnomaden in die Welt zu ziehen; langjährige Beziehungen aufgeben zu können und nach einem passenderen Partner zu suchen; länger zu leben und möglicherweise die eigenen Freunde zu überleben. Einsamkeit ist die Kehrseite davon, dass wir uns erhoben haben über starre Bindung und allzu knappe Lebenszeit.

Kein neues Phänomen

Als Begleiterscheinung der flüchtigen Moderne ist die Einsamkeitsklage allerdings mitnichten neu. Der Philosoph Odo Marquard beschrieb bereits 1983 die Einsamkeit als «repräsentativstes Lebensübel» und sprach von einem «Zeitalter der Einsamkeit». Für seine Einsamkeitsdiagnose machte er zum einen die «Vermassung» verantwortlich: Immer mehr Menschen teilten sich den engen Raum. Weil wir für diese Enge nicht geschaffen seien, flöhen wir in die Anonymität, die es dann wiederum möglich mache, dass ein Verstorbener wochenlang unbemerkt in seiner Wohnung liege, so Marquard.

Weil wir zum anderen jedoch das Alleinsein ebenso wenig ertrügen, wie die Nähe des fremden Nachbarn, würden wir «Ersatzkommunikationen in die Ferne» etablieren. Was 1983 noch Telefon und Fernseher waren, sind heute das Internet und die sozialen Medien. Die Einsamkeitsgeplagten unserer Zeit sitzen in ihren Singlehaushalten allein vor ihren Bildschirmen und klicken sich durch die Ferienbilder von Freunden, die sie seit Jahren nicht gesehen haben.

In seiner Analyse ruft Marquard allerdings nicht zur Bekämpfung der Einsamkeit auf, sondern er hält, wie sein Text auch überschrieben ist, ein «Plädoyer für die Einsamkeitsfähigkeit». Denn selbst wenn sich die kulturbedingte Einsamkeit lindern liesse – uns plagt letztlich auch eine existenzielle Einsamkeit, die sich nicht überwinden, sondern nur ertragen lässt: nämlich die Einsicht, dass mit dem Tod der totale Alleingang unausweichlich folgt.

Grund dafür, dass die Einsamkeit so sehr für Debatten sorgt, dürfte also weniger sein, dass wir viel einsamer wären als noch vor fünfzig Jahren. Was uns beunruhigt, ist vielmehr, dass die Vereinzelung auch politische Auswirkungen haben kann. Das Einsamkeitsgefühl ist zutiefst menschlich. Dass es auch zum politischen Spaltpilz werden kann, ist eine reale Gefahr.