2019-10-12 00:30

Der BSE-Bändiger, der gerne provoziert

Der Neuropathologe Adriano Aguzzi von der Uni Zürich hat wesentlich dazu beigetragen, dass die Rinderseuche in den 90er-Jahren schnell wieder verschwand. Nun wird er ausgezeichnet.

«Die Bürokratie killt uns», sagt Adriano Aguzzi. Foto: Reto Oeschger

«Die Bürokratie killt uns», sagt Adriano Aguzzi. Foto: Reto Oeschger

Ein Postdoc-Mitarbeiter von ihm habe letzte Woche im Institut eines Nobelpreisträgers in Israel einen Vortrag gehalten, postete der Neuropathologe Adriano Aguzzi kürzlich auf Facebook. Nach dem Talk habe der Nobelpreis­träger zum Postdoc gesagt: «Adriano hätte den Nobelpreis zusammen mit Stanley Prusiner erhalten sollen.» Das stimme natürlich nicht, schreibt ­Aguzzi weiter in seinem Post, «aber mein Ego wuchs dabei enorm, sodass ich es ­heute nicht mehr durch die Tür bringe».

Das ist typisch Aguzzi. Der Prionenforscher hat ein ausgeprägtes Mit­teilungsbedürfnis, wie seine vielen Facebook-Posts zu allen möglichen Themen zeigen, er provoziert schon mal, aber vor allem zeigt er sich auch gern von seiner humoristischen Seite. «Ich lebe meine komödiantische Ader aus auf Facebook», sagt er bei unserem Treffen in seinem Büro in der Pathologie des Universitätsspitals Zürich.

Aguzzi kokettiert allerdings auch gerne ein wenig. Denn die Anekdote mit dem Nobelpreis ist nicht aus der Luft gegriffen. Seit rund 30 Jahren erforscht Aguzzi sogenannte Prionen, das sind falsch gefaltete Eiweisse, die andere Eiweisse «anstecken» und so das Gehirn der Betroffenen von innen zerstören. Prionen sind, unter anderem, die Ursache des Rinderwahnsinns (BSE) und der Creutzfeldt-Jakob-Krankheit beim Menschen. Aguzzi hat in den 90er-Jahren mit seiner Forschung wesentlich dazu beigetragen, dass die Rinderseuche so schnell wieder verschwand. Und es war auch sein Labor, das herausgefunden hatte, dass das natürliche Prion-Eiweiss PrP für die Funktion der peripheren Nerven wichtig ist. Den Nobelpreis für die Entdeckung der Prionen heimste allerdings 1997 der Kalifornier Stanley Prusiner allein ein.

Viel Geld für Hochrisiko-Projekt

Den Nobelpreis hat Aguzzi auch dieses Jahr nicht gewonnen. Dafür erhielt der 58-Jährige am Donnerstag einen ­«Distinguished Scientist and Scholar Award» der Nomis Foundation. Die Stiftung mit Sitz in Zürich unterstützt «aussergewöhnliche Grundlagenforscher bei ihrer Erkundung unkonventioneller akademischer Wege» und will mit dem Award «neue Pfade in der Wissenschaft öffnen». Über die Höhe des Preisgelds hüllt sich die Stiftung in Schweigen, doch Aguzzi postete die Summe – einen schönen siebenstelligen Betrag – prompt auf Facebook («Time for some champagne, I guess»), als im Februar bekannt wurde, dass er den Award erhalten wird.

Mit dem Nomis-Preisgeld will der Arzt und Neuroforscher ein Hochrisiko-Projekt finanzieren, ein Forschungsvorhaben also, bei dem nicht absehbar ist, ob dabei etwas Zählbares oder gar Spannendes herausschaut. Konkret wollen Aguzzi und sein Team einen 3-D-Atlas der pathologischen Gehirnveränderungen ­erstellen, und zwar sowohl beim normalen Alterungsprozess wie auch bei degenerativen Hirnerkrankungen. Das Ziel: Mit einer Kombination modernster Technologien aus Genetik, Histologie, 3-D-Bildgebung und Robotik wollen Aguzzi und Co. jene Zellen identifizieren, welche die Abbauprozesse im Gehirn vorantreiben.

Bei einem anderen Hochrisiko-Projekt steht Aguzzis Team kurz vor dem Abschluss. In der Prionenforschung habe es in den letzten Jahren kaum Fortschritte gegeben, sagt Aguzzi – mal abgesehen von seiner eigenen Entdeckung der normalen Funktion des PrP-Ei­weisses in den peripheren Nervenzellen. Noch immer habe man aber zum Beispiel keine Ahnung, welche Maschinerie in den Zellen dazu führe, dass sich krankhaft gefaltete PrP-Eiweisse so rasant vermehren können. In einer fünfjährigen Herkulesarbeit analysierten Forscher in seinem Team nun alle rund 22'000 menschlichen Gene. Vor wenigen Wochen konnten sie die Arbeit abschliessen. «Wir haben jetzt den ganzen Katalog von allen Genen, die einen Einfluss auf die Prionenreplikation haben», sagt Aguzzi. «Es gibt grosse Überraschungen, das ist fantastisch.»

Schwammartiges Hirngewebe: Schnitt durch ein Hirn eines BSE-Rinds. Foto: Getty Images

Wenn Aguzzi von seiner Forschung erzählt, gerät er schnell ins Schwärmen. Einmal habe er sogar einen regelrechten Heureka-Moment erlebt, auf dem Mountainbike. «Ich erinnere mich noch sehr genau», sagt Aguzzi, «es war, als ich wieder mal auf den Uetliberg hochfuhr.» Da sei ihm plötzlich die Idee gekommen, an welchen Rezeptor die PrP-Eiweisse andocken könnten, um ihre Funktion in den peripheren Nervenzellen auszuüben. Zurück im Labor, beauftragte er gleich zwei Mitarbeiter mit einem Experiment, das die Hypothese bestätigen sollte. Und bingo, es funktionierte tatsächlich.

Neue Methoden austüfteln und unbekanntes Terrain ausloten, das liegt Aguzzi im Blut. Als seine Tochter, die an einer starken Erdnussallergie leidet, einmal fast an einem allergischen Schock starb, gründete er eine Firma (Mabylon). Deren Ziel ist es, neuartige Immuntherapien gegen Allergien zu entwickeln. «Es scheint zu funktionieren», freut sich Aguzzi heute, «Mäuse sind komplett geschützt gegen das Erdnussallergen.» In etwa zwei Jahren, hofft Aguzzi, sollen erste klinische Versuche starten.

Weit weniger euphorisch gibt sich Aguzzi, wenn es um das Thema Tierversuche geht. Seit 2016 haben die Bewilligungsbehörden die Schrauben angezogen, Pauschalgesuche für drei Jahre, wie sie Aguzzi für seine Versuche vorher immer bewilligt bekam, werden neu abgelehnt, er und sein Team müssen nun für jeden einzelnen Versuch ein separates Gesuch einreichen. «Die Bürokratie killt uns», sagt Aguzzi, «denen geht es nicht um Tierschutz, sondern einzig darum, ihre Macht über die Forscher auszuleben.» Die Schweizer Bevölkerung hingegen habe einen hohen Bildungsstand und würde sehr wohl verstehen, dass Forschung mit Tiermodellen manchmal die einzige Hoffnung für unheilbare Krankheiten darstellt. «Jeder hat einen Verwandten mit Alzheimer oder Krebs.»

Über Ignoranz regt er sich auf

Sowieso, über Ignoranz und Irrationalität kann sich Aguzzi wahnsinnig aufregen. Wenn die Krankenkasse CSS in einem Blog schreibt, «Homöopathie funktioniere auch dann noch, wenn starke Medikamente notwendig sind», dann müsse er sich «fremdschämen», oder wenn die Elektrizitätswerke der Stadt Zürich ihren «Naturstrom» anpreisen, bemerkt Aguzzi, dass man «so viel Blödsinn in einem einzigen E-Mail gar nicht verpacken kann». Ja, manchmal geht sein italienisches ­Temperament – Aguzzi, in Pavia geboren, ist schweizerisch-italienischer Doppelbürger – ein wenig mit ihm durch, aber immer im Namen der Rationalität. «Wir leben in einer Wissensgesellschaft», sagt er, «und dem müssen wir gerecht werden.»

Und nun also der Nomis-Award, ein weiterer Preis in einer langen Reihe von Auszeichnungen, die Aguzzi schon erhalten hat. Was bedeuten ihm diese? «Ich arbeite überhaupt nicht wegen der Preise, da bin ich hundertprozentig ehrlich», sagt Aguzzi und ergänzt: «Es ist natürlich immer schön, einen Preis zu erhalten, aber eine Entdeckung zu machen, ist tausendmal schöner.»