2013-11-19 20:13

Der gefallene Engel

J. P. Morgan war lange die Vorzeigebank der Wallstreet und hatte beste Kontakte ins Weisse Haus. Nun muss sie eine Rekordbusse von 13 Milliarden Dollar bezahlen. Auch der Ruf ist im Eimer.

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  • Philipp Löpfe

    Philipp Löpfe

Jamie Dimon, CEO von J. P. Morgan, war lange Washingtons liebster Banker. Die Bank mit dem legendären Namen hatte nicht nur die Subprime-Krise ohne grössere Schäden überstanden, sie betätigte sich auch als Samariter für andere. Mit gütiger Hilfe der Regierung wurde zuerst die schwer angeschlagene Investmentbank Bear Stearns gerettet und wenig später die ebenso lädierte Geschäftsbank Washington Mutual.

Dimon wurde so der Vorzeigemann von der Wallstreet. Ihn schickte man nach Washington, wenn es galt, die Interessen der Finanzbranche zu vertreten. Im Weissen Haus war Dimon denn ein Platz in der ersten Reihe sicher, wenn sich der Präsident mit Wirtschaftsgrössen traf, und er hatte auch das Ohr des Präsidenten, gleich, ob er George W. Bush oder Barack Obama hiess.

Die grösste Busse für ein US-Unternehmen

Damit ist Schluss. J. P. Morgan hat soeben mit dem US-Justizdepartement ein Abkommen getroffen, das die grösste Busse beinhaltet, die je ein Unternehmen in den Vereinigten Staaten bezahlen musste. 13 Milliarden Dollar muss die Bank hinblättern. Das ist mehr als BP für seine Ölkatastrophe im Golf von Mexiko zahlen musste (4,6 Milliarden) oder der Pharmakonzern GlaxoSmithKline, weil er wichtige Informationen über Nebeneffekte eines Medikaments verschwiegen hatte (3 Milliarden).

Selbst mit den 13 Milliarden Dollar ist J. P. Morgan noch nicht aus dem Schneider. Die Verfehlungen des Londoner Traders mit dem Spitznamen «der Wal» werden voraussichtlich nochmals rund eine Milliarde Dollar verschlingen, zusätzlich zum 6-Milliarden-Verlust, den er der Bank beschert hat. Zudem untersuchen die Behörden immer noch, welche Rolle J. P. Morgan im Skandal um den Betrüger Bernard Madoff gespielt hat und ob sie mitgeholfen hat, den amerikanischen Energiemarkt zu manipulieren. J. P. Morgan ist seinen Ruf als Musterschüler los, und Jamie Dimon muss bei den Treffen im Weissen Haus jeweils in der zweiten Reihe Platz nehmen.

4 Milliarden für geschädigte Hausbesitzer

Auch in der Öffentlichkeit hat der Ruf der Bank Schaden genommen. Die Rekordbusse wird als gerechte Strafe für das Verhalten der Banken während der Subprime-Krise wahrgenommen. 4 Milliarden Dollar werden denn auch als Hilfe an Menschen verteilt, die wegen dieser Krise ihre Häuser verloren haben. Darüber hat man sich mit der Federal Housing Finance Agency geeinigt. 6 Milliarden Dollar gehen an geschädigte institutionelle Investoren, darunter auch Blackrock.

Kurzfristig wurde der Versuch unternommen, J. P. Morgan als Opfer einer heuchlerischen Staatsgewalt darzustellen. Die Bank habe doch auf sanften Druck Bear Stearns und Washington Mutual gerettet und werde jetzt für deren Sünden viel zu hart bestraft, wurde argumentiert. Das hat nicht überzeugt. J. P. Morgan war sich der Risiken bei der Übernahme bewusst und hat dafür Rückstellungen in der Höhe von 23 Milliarden Dollar getätigt. So gesehen fährt die Bank mit der 13-Milliarden-Busse gar nicht so schlecht.

Tagesanzeiger.ch/Newsnet

Philipp Löpfe ist Autor im Ressort Wirtschaft von Tagesanzeiger.ch/Newsnet.
Philipp Löpfe ist Autor im Ressort Wirtschaft von Tagesanzeiger.ch/Newsnet.