2019-09-07 22:46

Ein Löwe für den «Joker»

Das Filmfestival Venedig zeichnet den Film mit Joaquin Phoenix mit dem Goldenen Löwen aus.

Bester Film in Venedig: «Joker» mit Joaquin Phoenix. Foto: PD

Bester Film in Venedig: «Joker» mit Joaquin Phoenix. Foto: PD

Es war ein heisses Festival. Eines, das einem bereits um 11 Uhr morgens regelmässig den Schweiss übers Gesicht trieb, wenn man inmitten einer Rekordanzahl von Besuchern für Filme anstand. Der Anlass glich dann, wie ganz Venedig dieser Tage, einer Belagerung. So gesehen war es eine versöhnliche Geste, dass sich Mick Jagger (76) und Donald Sutherland (84) – sie spielen im Thriller «The Burnt Orange Heresy» – am letzten Festivaltag mit den jungen «Climate Change»-Aktivisten gegen die Kreuzfahrt-Invasion in Venedig solidarisch zeigten. Selbstverständlich ist das nicht, man kann es als Handreichung zwischen den Generationen verstehen.

Dass nun «Joker» von Todd Phillips den Hauptpreis an diesem Festival davonträgt, ist kein Zufall, es ist eine Notwendigkeit, ein Gebot der Stunde. Denn: «Joker» ist ein Film, der düsterer ausgefallen ist als vergleichbare Superhelden-Genreware und der von einem erzählt, dem nichts geschenkt wird, nicht in diesem Leben. Joker alias Arthur Fleck (Joaquin Phoenix) wohnt mit seiner Mutter in einem schäbigen Apartment inmitten der verdreckten Stadt Gotham City und möchte Komödiant werden. Aber dabei kommt ihm – ausgerechnet – sein zwanghaftes Lachen in die Quere.

Zwischen Trump, Bolsonaro und Pennywise

Superkräfte spielen da keine Rolle. Es geht um einen Borderliner, der die heutige Verlorenheit durchexerziert – irgendwo zwischen Donald Trump, Jair Bolsonaro und dem Bösewicht Pennywise, der gerade in Stephen Kings «It» Urständ feiert. Mit dem Unterschied: «Joker» ist einer von ganz unten, ein Querschläger und ein Ausraster, einer, den man heutzutage nie und nimmer als Hauptfigur in einem amerikanischen Film vermuten würde, weil er keine Erfolgstory hat.

Der Trailer zum Fim «Joker». Quelle: Warner

So gesehen ist es der aktuellste und verstörendste Film, den man sich denken kann – und zugleich eine Hommage an die frühen Werke von Martin Scorsese: Dessen Filme «Taxi Driver» und «The King of Comedy» liefern hier den emotionalen Background, den Notwehr-Mann, den getriebenen Möchtegern und Hitzkopf – man kann diese Figuren erahnen. Das ist das Eine. Das Andere: Der Weg zu den Oscars scheint vorgespurt, ähnlich wie zuletzt bei Peter Farrelly («Green Book»). Hollywood liebt Komödianten, wenn sie ernst werden. Todd Phillips, der bislang vor allem mit der klamaukigen «Hangover»-Trilogie auf sich aufmerksam machte, hat also gute Chancen.

Silberner Löwe für Polanski

Und sonst? Bleibt Verwunderung. Dass der Silberne Löwe und der Preis der internationalen Filmkritik in Venedig an Roman Polanskis «J’accuse» ging, ist, man kanns nicht anders sagen, ein Affront. Der Regisseur bemüht in diesem Historienstück den französischen Justizskandal von 1896, allerdings nur, um den Juden Alfred Dreyfus als Opfer in eigener Person mitzumeinen. «In dieser Geschichte sehe ich dieselbe Entschlossenheit, Fakten zu negieren und mich für Dinge zu verurteilen, die ich nicht getan habe.» Polanski hat in den Siebzigerjahren eine 13-Jährige unter Drogen gesetzt und vergewaltigt. Was man im Film sieht, ist Durchschnitt. Nicht mehr und nicht weniger.