2017-10-16 13:47

Formel E spaltet Zürichs Linke

Das Rennen durch die Limmatstadt offenbart die Kluft zwischen grünen Fundamentalisten und den Pragmatikern in ihren Reihen.

Formel-E-Rennen mitten in der Stadt: Hier 2016 in Paris.

Formel-E-Rennen mitten in der Stadt: Hier 2016 in Paris.

(Bild: Keystone Michel Euler)

  • Lorenzo Petro

Die erste Reaktion von grüner Seite auf ein Rennen der Formel E in der Stadt Zürich war euphorisch: «Das würde ich unterstützen, #Innovativ #FossilAutoFrei», twitterte der Zürcher Nationalrat Bastien Girod im Sommer 2015. Seither ist aus Richtung der Grünen nicht mehr viel Begeistertes zu hören über die Elektrorennserie, zumindest offiziell nicht. Auch die SP scheint sich schwerzutun mit der Verbindung von Elektromobilität und dem Faktor Spass.

Der linksgrün dominierte Stadtrat hat das Rennen zwar bewilligt, allerdings mit Auflagen: Die Strecke muss bis Montagmorgen nach dem Rennen komplett zurückgebaut werden, die Verkehrsbeschränkung möglichst kurz sein. Vor allem aber soll mehr Gewicht auf der Rahmenveranstaltung liegen, die den Besuchern die Vorzüge der Elektromobilität näherbringt. Organisator Roger Tognella verspricht Zürich deshalb «einen Kongress mit internationaler Ausstrahlung» in Zusammenarbeit mit der ETH, zugänglich auch für den Durchschnittszürcher.

Dem grünen Gemeinderat Markus Knauss ist das nicht genug. Das Auto, auch wenn elektrisch angetrieben, sei kein geeignetes Verkehrsmittel für die Stadt, kritisiert er. In Zürich habe man vor allem ein Platzproblem. Knauss will den Langsamverkehr, also Fussgänger und Velos, fördern. Da sende ein Tamtam um Rennwagen schlicht das falsche Signal aus.

«Stadtverträglich ist ein Autorennen nur dann, wenn es nicht stattfindet.»Grüne Stadt Zürich

«Stadtverträglich ist ein Autorennen nur dann, wenn es nicht stattfindet», doppelt die Stadtpartei in einer Mitteilung nach. Sie fallen damit Kollege Girod in den Rücken, der sich wie viele grüne Wähler für Elektromobilität begeistern kann, auch wenn er sie selber nicht nutzt. So wie die Velopendler, die sich auf einen Arbeitsweg freuen, der dank Elektroautos weniger Russ- und Benzindampf-belastet ist, oder die Anwohner, die sehnlichst den Zeitpunkt erwarten, wo an der Ampel nur noch elektrisch beschleunigt wird, kraftvoll, wenn es denn unbedingt sein muss, aber wenigstens leise.

Für Elektromobil, aber gegen Rennen

Gar nichts gegen private Elektromobile in der Stadt hat deshalb auch Knauss’ Kollegin im Kantonsrat, die grüne Zürcherin Esther Guyer. Sie zählt «Fernsehsport» zu ihren Hobbys, und dazu gehört neben dem Verfolgen von Spielen des FCZ seit jeher auch das Schauen von Formel-eins-Rennen. «Weniger zwar, seit Charismatiker wie Schumacher den Bubis Platz gemacht haben», sagt Guyer. Jochen Rindt, den «James Dean der Formel 1», stets mit Zigarette abgelichtet, 1970 in Monza tödlich verunglückt, hatte die 66-Jährige sogar persönlich gekannt.

Esther Guyer. Bild: Dieter Seeger

«Übel, kreuzlangweilig.»Grüne Kantonsrätin Esther Guyer

Für die Formel E kann sich Guyer trotzdem nicht begeistern: «Das ist doch Blödsinn in unserer engen Stadt.» Sterbenslangweilig werde das, wie alle Stadtrennen. Warum? «Weil man nicht überholen kann.» Und als Zuschauer sehe man nichts. Guyer spricht aus Erfahrung. Sie stand schon in Monaco am Streckenrand. Kaum hörte sie die Wagen heranbrausen, schon waren sie wieder aus dem Sichtfeld verschwunden. Ihr Fazit: «Übel, kreuzlangweilig.» Deshalb brauche es die Formel E in Zürich nicht. Guyer erstaunt auch, dass das Gewerbe sich derart für das Rennen einsetze. «Wissen die, was sie da unterstützen? Verstellte Trottoirs tagelang?»

Offiziell geduldet, indirekt kritisiert

Bei der SP hingegen will man sich im Wahlkampf nicht direkt als Spielverderber positionieren. Offiziell wird das Rennen geduldet, seit die Organisatoren bekräftigt haben, dass es die Stadt nichts kostet. Nur die Altstadt-Sektion macht Opposition, ein bisschen zumindest: Die Durchführung 2018 sei zu früh, sagt Felix Stocker, Co-Präsident der SP Zürich 1 und 2: «Einen solchen Schnellschuss lehnen wir ab.» Erst müsse die Bevölkerung angehört werden.

Dies erledigt die Kreispartei gleich selbst, mit einer Umfrage bei Streckenanwohnern und Gewerbetreibenden. Man kann ankreuzen, ob man sich auf den Event freut, ihn toleriert, eher gegen, oder klar gegen Formel E in der Stadt Zürich ist. Die Argumente liefert die SP gleich mit: 36 Stunden Abriegelung, Lärm und Immissionen während des Rennens und des Aufbaus, drei Wochen Einschränkungen, die Gefahr der hohen Geschwindigkeiten. Man sei durchaus um Neutralität bemüht, so Stocker. Deshalb steht da auch, was gemäss SP für den Event spricht: «Ein origineller und cooler Anlass, das Rahmenprogramm zur Elektromobilität, Zürich erscheint prominent in der Welt, die wirtschaftliche Bedeutung.» Viele Rückmeldungen hat Stocker noch nicht erhalten. Es seien aber durchwegs negative. Ein Arzt etwa, der sich Sorgen macht um seine und andere Patienten. Wie kommen sie während des Rennens zu ihm? Wie die Ambulanz?

Andrew Katumba. Bild: SP Zürich

«Man sollte alles Innovative ausprobieren, was uns in Richtung 2000-Watt-Gesellschaft bringt.»SP-Kantonsrat Andrew Katumba

Andrew Katumba hingegen, SP-Kantonsrat und Altstadt-Bewohner, weiss, wo er sein Kreuzchen machen wird. «Ich freue mich auf die Formel E», sagt er. Wenn die Stadt dafür Zeit und Platz finde, durchaus auch in der Innenstadt. «Man sollte alles Innovative ausprobieren, was uns in Richtung 2000-Watt-Gesellschaft bringt», sagt Katumba. Er setzt auch privat auf pragmatisches Vorgehen: Katumba hat wenig Zeit am Telefon, weil er gleich aus dem Zug aussteigen soll. Mit dem E-Bike. «Weil ich immer die schnellste, kürzeste und effizienteste Form der Mobilität wähle.»