2013-11-07 22:22

Das gefährliche Twitter-Burn-out

Zu viele Shitstorms, zu gross die Ablenkung. Immer mehr einflussreiche Twitterer steigen aus. Das Unternehmen wirbt bei Investoren aber mit der Aussicht, dass die Nutzerzahl steigt. Ein Vabanque für die Wallstreet.

Stress durch Twitter: Eine junge Frau in New York tippt auf zwei Handys. (6. November 2013)

Stress durch Twitter: Eine junge Frau in New York tippt auf zwei Handys. (6. November 2013)

Die Zahlen sind sagenhaft. 500 Millionen Tweets werden jeden Tag verschickt. Aber es gibt auch Hinweise auf einen «Burn-out» bei Nutzern. Wie geht es weiter? Eine grosse Frage für die Investoren, jetzt, mit Twitter an der Börse.

Sie waren mal verrückt danach. Aber jetzt nicht mehr. Eine wachsende Zahl von Prominenten, Sportlern und anderen, die gern etwas über sich selbst kommunizieren, hat genug von Twitter und steigt aus. Für manche wurde es einfach zu viel. Andere, die sich mit Hilfe des Online-Kurznachrichtendienstes ein riesiges Publikum aufgebaut haben, erlebten, dass sich ihre Follower gegen sie wendeten. Wiederum andere klagen, dass die Tweets, die einst so viel Aufmerksamkeit fanden, jetzt irgendwie untergehen.

Twitter Inc. wirbt im Zuge seines Börsengangs bei potenziellen Investoren natürlich mit der Aussicht, dass die Zahl der aktiven Nutzer - derzeit 232 Millionen - genauso weiter wachsen wird wie die der gesendeten Tweets. 500 Millionen sind es derzeit täglich. Die Einkünfte des Unternehmens hängen von der Werbung ab, die in den Nachrichtenstrom eingewoben wird. Aber die Wall Street könnte verlieren, wenn eifrige Twitterer verstummen.

Hinweise darauf, dass es so etwas wie einen «Twitter-Burn-out» gibt, sind nicht schwer zu finden. Man muss sich nur die lange Liste vom Promis anschauen, die - zur einen oder anderen Zeit - eine Pause eingelegt haben. Dazu gehören etwa Alec Baldwin, Miley Cyrus und die Schauspielerin Jennifer Love Hewitt, die bei ihrem vorübergehenden Ausstieg im Juli über «all die Negativität» klagte, die sie im Kurznachrichtendienst gesehen habe.

Ihre Kollegin Megan Fox kehrte Twitter im Januar den Rücken und liess damit fast eine Million Follower im Regen stehen. «Facebook ist alles, was ich bewältigen kann», erklärte sie seinerzeit. Popstar John Mayer löschte sein Konto 2011, mit der Begründung, dass Twitter so viele seiner Gedanken in Anspruch nehme, dass er nicht in der Lage sei, einen Song zu schreiben. «Ich war tweetsüchtig», bekannte er.

Aber wenn Twitter Prominente, die einen finanziellen Anreiz zum engen Kontakt zu ihren Fans haben, nicht halten kann: Wie kann sich das Unternehmen dann die Treue von «normalen» Nutzern sichern?

Bei einigen setzt die Müdigkeit langsam ein. Zuerst macht es Spass zu sehen, wie ihre Kurznachrichten von maximal 140 Zeichen aufgegriffen oder auch per Retweet weitergegeben werden. Aber dann wird es oft einfach überwältigend, der Spass wird zur Pflicht. Es gilt nicht nur, mehr eigene ursprüngliche Tweets zu verschicken, sondern Nachrichten der Follower zu lesen und diese zu beantworten. Und das kostet mehr und mehr Zeit.

Patrilla$$thrilla kann ein Lied davon singen. Als sie im Juli ihren ersten Tweet verschickte, sprudelte sie nur so vor lauter Begeisterung. Am vergangenen Mittwoch, 161 Tweets und 27 Follower später, war die Romanze endgültig vorbei. Sie stieg aus, twitterte sie, um sich «voll der kleinen Dinge im Leben zu erfreuen, die ich verpasse, weil das hier mich so beschäftigt».

Tatsächlich kann sich die Twitter-Sucht in alle Lebensbereiche stehlen. Fanatiker schicken ihre Kurznachrichten vom Esstisch aus, aus dem Kino, ja aus dem Badezimmer und dem Bett. Bei manchen dieser Süchtigen steckt die Furcht dahinter, «etwas zu verpassen», sagt Tom Edwards, Vizepräsident der Werbeagentur «themarketingarm» in Dallas. «Unsere virtuellen Rollen zu bewältigen, mit allen Anforderungen, das kann ermüdend sein, vor allem, wenn man viele Follower hat.»

Das erfahren auch manche, die es eigentlich besser wissen müssten. Wie etwa Gary Schirr, ein Professor, der an der Radford University im US-Staat Virginia Unterricht in Sachen Soziale Medien erteilt. Im vergangenen August machte er Urlaub an einem sonnigen Strand - und spürte so etwas wie Entzugserscheinungen, weil er seinen mehr als 70'000 Follower ein paar Tage lang nichts getwittert hatte. Dann sah er ein altes unbewohntes Haus, bedroht, von den Wellen in den Ozean gerissen zu werden. Er verschickte ein Foto via Facebook und Twitter - und war erleichtert über all die Antworten und Retweets. «Du fühlst dich vergessen, wenn du nicht da draussen auf dem Markt bist», sagt Schirr. «Es ist ein Zeichen für Abhängigkeit. Du fühlst dich schlecht, wenn du nicht twitterst.»

Umgekehrt ist es für viele dann aber eine Erleichterung, wenn sie sich einmal bewusst eine Pause vom Twittern gönnen. Devon Powers, Expertin für Kommunikation an der Drexel University im US-Staat Pennsylvania, geht es so. «Wenn ich wirklich stark beschäftigt bin, dann höre ich als erstes damit auf, mich bei Twitter einzuklinken», sagt die Professorin. «Ich lebe mein Leben.»

kle/sda