2016-09-07 07:40

Und plötzlich geht es ohne «Schnickschnack»

Beim letzten Zürcher Schulhausbau sind viele an die Decke gesprungen wegen der Kosten. Nun plant die Stadt zwei weitere Schulhäuser – zum Preis von einem.

Ein Projekt, das viele Wogen geglättet hat bei Budgetdiskussionen im Gemeinderat: Das Schulhaus Blumenfeld. Foto: Sabina Bobst

Ein Projekt, das viele Wogen geglättet hat bei Budgetdiskussionen im Gemeinderat: Das Schulhaus Blumenfeld. Foto: Sabina Bobst

Sie stehen klar im Schatten der Stadion- und Parkplatz-Vorlagen: die beiden Schulhauskredite, über welche die Stadtzürcher Stimmberechtigten am 25. September befinden werden. 61 Millionen Franken will die Stadt für ein neues Schulhaus samt Quartierhaus und Park auf dem Schütze-Areal beim Escher-Wyss-Platz ausgeben, 50 Millionen Franken für die Erneuerung der Schulanlage Schauenberg in Affoltern.

Bemerkenswert: Trotz der stolzen Summen sind beide Vorlagen unbestritten, im Gemeinderat wurden sie ohne Gegenstimme durchgewinkt. Dabei hatten Schulhausvorlagen noch vor kurzem heftige Debatten ausgelöst. Als 2013 der 90-Millionen-Kredit fürs Schulhaus Blumenfeld in Affoltern vors Volk kam, hagelte es Kritik von bürgerlicher Seite am «Luxusbau». Schulbauten in Zürich, so der Vorwurf, seien im Vergleich mit anderen Gemeinden viel zu teuer. Dieselbe Kritik war bereits davor beim Schulhaus Leutschenbach aufgeflammt. Zwischen 2006 und 2015 hat die Stadt 350 Millionen Franken für Neubauten und Erweiterungen von Schulhäusern ausgegeben.

Odermatt hat reagiert

Inzwischen ist die Debatte um Schulhausbauten merklich ruhiger geworden. Politiker attestieren SP-Hochbauvorsteher André Odermatt, er setze einiges daran, die Kosten zu senken. «Der Stadtrat ist über die Bücher gegangen», sagt Isabel Garcia, Fraktionschefin der Grün­liberalen. Ein wichtiges Signal sei die im April bekannt gewordene Kostenunterschreitung beim Schulhaus Blumenfeld um 13 Millionen Franken gewesen: «Das hat die Stimmung merklich verbessert.»

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«Der Blumenfeld-Kredit war der Wendepunkt», sagt auch SP-Fraktionschef Davy Graf. Das Kostensenkungsprogramm des Stadtrats zeige Wirkung. Flächen seien reduziert worden, das Con­trolling im Vorfeld, wenn Besteller ihre Wünsche vorbringen, funktioniere besser. «Der Gemeinderat hat wieder Vertrauen gefasst», so Graf. Dass die Schulhausvorlagen diesmal keine Gegner ­haben, führt AL-Fraktionschef Andreas Kirstein auch auf die Dringlichkeit zurück, neuen Schulraum zu schaffen. Allerdings gebe es offene Fragen. Die AL habe nur «knurrend Ja gesagt» zum Projekt Schauenberg. Angesichts des eher geringen Zuwachses an Schulraum seien die Kosten dort «doch sehr hoch». Zudem kritisiert Kirstein den Zeithorizont von der Planung bis zur Realisierung. «Da vergehen in Zürich im Schnitt zehn Jahre, das ist viel zu lang.» Die Stadt stehe sich mit ihren zahlreichen Dienstabtei-lungen und Vorschriften selber im Weg.

«Man leistet sich mehr als andere»

FDP-Fraktionschef Michael Schmid konstatiert ebenfalls einen gewissen Wandel im Bezug auf das Kostenbewusstsein beim Schulhausbau. «Dennoch gibt es im Hochbaudepartement weiterhin einen ‹Stadt-Zürich-Finish›, und man leistet sich Dinge, die sich Nachbargemeinden nicht leisten.» Ein Thema sei der Umgang mit kantonalen Empfehlungen zum Schulhausbau. Da gebe es einen Spielraum, den Zürich oft nach dem Motto «Wir machen das Beste, die Kosten sind eher zweitrangig» ausnütze.

Selbst die SVP steht für einmal hinter den Millionenausgaben für Schulhäuser. Angesichts des rasanten Wachstums der Schülerzahlen habe man keine andere Wahl, sagt Fraktionschef Martin Götzl. Odermatt habe beim Blumenfeld-Schulhaus «einen Lehrblätz bezogen», seither gebe es «weniger Schnickschnack». Allerdings betrachtet die SVP die Schulhauskosten weiter mit Skepsis.

Kosten pro Klasse gesenkt

«Wir haben viel unternommen, um die Kosten bei Hochbauten zu senken», betont Matthias Wyssmann, Sprecher von Hochbauvorsteher Odermatt. Das Massnahmenprogramm, das die Schulhauskosten 10 Prozent senken soll, fange an zu greifen. Einsparungen soll es vor allem dank Flächenreduktion geben: durch die Zusammenlegung von Aufenthalts- und Gruppenräumen, die Verpflegung im Mehrzwecksaal respektive in zwei Etappen oder die Verkleinerung von Musikräumen. Weitere Sparmassnahmen betreffen den Verzicht auf grosszügige Foyers und Erschliessungszonen, einen einfacheren Innenausbau und weniger umfangreiche Instandsetzungen. Das Schulhaus Schauenberg wurde so um 1000 Quadratmeter Geschossfläche geschrumpft. Spareffekt: 3,5 Millionen Franken. Auch die Kosten pro Klasse sind gesunken. Betrugen diese bei den Schulanlagen Leutschenbach und Blumenfeld 2,3 beziehungsweise 2,2 Millionen Franken pro Klasse, fiel dieser Wert beim Schauenberg auf 1,5 Millionen pro Klasse.

All das ist laut Wyssmann Teil eines umfangreichen Kostensenkungsprojekts im Hochbau, das Odermatt 2010 lanciert hat. Dabei würden auch Lebenszykluskosten und potenziell kostspielige Vorschriften unter die Lupe genommen.

«Zürich will mehr»

Doch wieso kosten Schulhäuser in Zürich immer noch teils deutlich mehr als anderswo? Der Winterthurer FDP-Schulvorstand Stefan Fritschi sagte kürzlich zur NZZ, dass in seiner Stadt etwa auf Spezialräume oder Lernschwimm­becken verzichtet werde. Wyssmann kontert: «Zürich will mehr. Das kostet unter Umständen mehr, aber die Stadt bekommt für ihr Geld auch mehr.» Wo es Schulschwimmanlagen gebe, seien sie Teil des städtischen Infrastrukturangebots; dadurch würden Hallen- und Freibäder entlastet.

Vergleiche mit anderen Gemeinden, inklusive Winterthur, enden laut Odermatts Sprecher «oft im Fiktiven». Es gehe auch um die Platzreserven dieser Gemeinden. In Zürich kämpfe man um genügend Standorte für öffentliche Bauten; diese seien nicht unbedingt günstig zu haben, was ein Projekt verteuere.

Vor allem aber: «Die Ansprüche an Schulhäuser sind in Zürich hoch. Schulhäuser sollen auch für spätere Generationen noch zeitgemäss und in gutem Zustand sein», betont Wyssmann. Billig im Bau bedeute oft hohe Unterhaltskosten. So sei etwa im Schulhaus Schauenberg zu wenig investiert worden, und nun müsse man es erneuern. Komme dazu, dass in der wachsenden Stadt Bauprojekte komplexer und damit auch teurer würden. Immerhin räumt er ein: «Es gilt – von Fall zu Fall – noch ein zusätzliches Sparpotenzial auszuloten.»