2019-07-30 14:05

Künstliche Intelligenz findet «Krazy Kat»

Lange waren die legendären «Krazy Kat»-Comics verschwunden. Jetzt hat sie ein Programmierer wieder zugänglich gemacht.

Detail aus einem «Krazy Kat»-Comic von 1916. Foto: PD

Detail aus einem «Krazy Kat»-Comic von 1916. Foto: PD

  • Bernd Graff

«Krazy Kat» ist ein Comic-Strip, der zwischen 1911 und 1944 in den Zeitungen des amerikanischen Verlegers William Randolph Hearst erschien. Ein Comic mit surrealem Witz um eine Ménage à trois, in der die naive Krazy-Katze die Maus Ignatz liebt, was den wiederum heillos in Krazy verliebten Polizeihund Offisa Pup irritiert. Der rabiate Ignatz erwidert alle Zuneigung mit gezielt geworfenen Ziegelsteinen, die nur zu diesem Zweck in der Fabrik Kolin Kellys angefertigt wurden. 33 Jahre lang. Nahezu täglich.

Der schwarz-weisse «Krazy Kat» wurde von fast Joyce’schen Bewusstseinstürmen durchweht, sein Schöpfer George Herriman hatte dafür – heute unvorstellbar – völlige künstlerische Freiheit. Grammatikalisch und orthografisch ging es drunter und drüber, sogar die Physik neigte zu eigenwilligen Metamorphosen, die sich völlig losgelöst vom Plot im Hintergrund der Zeichnungen abspielten.

Er genoss völlige künstlerische Freiheit: George Herriman mit Katze. Foto: PD

Der Strip war ein riesiger Erfolg, US-Präsident Woodrow Wilson, Schriftsteller F. Scott Fitzgerald, Filmkomiker Charlie Chaplin und Maler Pablo Picasso waren erklärte Fans. Charles M. Schulz («Peanuts») sagte: «Wenn ich etwas so gut könnte wie Krazy Kat, dann wäre ich glücklich.» Doch hing dieses eher krakelig gezeichnete Universum so sehr an seinem Erfinder Herriman, dass es nach dessen Tod verschwand. Nur relativ teure, unvollständige Nachdrucke einzelner Storys existieren noch.

«Wenn ich etwas so gut könnte wie Krazy Kat, dann wäre ich glücklich.»Charles M. Schulz («Peanuts»)

Das hat den Programmierer und unbedingten Kat-Fan Joël Franusic so gewurmt, dass er künstliche Intelligenzen bemüht hat, um das tierische Trio infernale in den Archiven der Welt ausfindig zu machen. Die Funde sind nun als Public Domain auf seiner Webseite zu finden.

Geradezu hinreissend ist, wie Franusic dort auch die Suche nach den Strips dokumentiert. Wie er erst einmal die öffentlich zugänglichen Archive von neun Tages- und vier Sonntagszeitungen systematisch mit selbst geschriebenen Programmen durchforstete, bevor er ein Maschinenlern-System darauf ansetzte, im ganzen Netz nach Strips zu fahnden. Die Krazy-Kat-Ära von 1911 bis 1944 zählt nicht zu den bestens digitalisierten Jahrgängen, ausserdem musste er sich aus Urheberrechtsgründen auf die Jahrgänge vor 1923 beschränken.

«Ich fühlte mich wie ein Meta-Programmierer»

Digitalisierung dieser Jahrgänge heisst hier natürlich, dass lediglich komplette Zeitungsseiten eingescannt sind, die einzelnen Elemente darauf sind nicht klassifiziert. Also liess Franusic von seinen Scripts zuerst alle Zeitungsseiten darauf hin untersuchen, ob sie überhaupt Bilder enthalten. Die Treffer liess er downloaden, dann suchte er aus dieser riesigen Sammlung in persönlicher Sichtung etwa 100 Seiten mit Krazy-Kat-Comics heraus.

Franusic beschreibt nun sehr anrührend, wie er darauf versuchte, eine künstliche Intelligenz dazu zu bringen, in den von ihm klassifizierten 100 Strips ebenfalls die geliebte Krazy Kat zu erkennen. Es dauerte ... und gelang ihm schliesslich mit dem Microsoft-Dienst «Custom Vision». «Am Ende fühlte ich mich wie ein Meta-Programmierer», schreibt Franusic. Als die künstliche Intelligenz so weit war, dass sie Krazy Kat erkannte, wurde sie auf die Library of Congress, alle Wikipedias, die Comic Strip Library und die Heritage Auctions losgelassen. Drei überragende Intelligenzen waren also am Werk: die von Herriman, die von Franusic und eine anonyme aus vielen Rechnern.


Der Ziegelstein für Connaisseure

Viel aufwendiger kann man ein fast vergessenes Comic-Universum nicht zwischen Buchdeckel packen. In «The Complete Krazy Kat in Colour» sind alle Strips, die George Herriman von 1935 bis 1944 für Sonntagszeitungen zeichnete, in chronologischer Folge versammelt.

Hat man den sechseinhalb Kilo schweren Leinenband einmal aus dem Kartonkoffer gezogen, möchte man gar nicht mehr aufhören, in diesen erzählerischen, zeichnerischen und sprachlichen Preziosen zu blättern, sich an Details und schrägen Pointen zu laben. Wie Herriman aus scheinbar simplen Running Gags über Katze, Maus und Hund philosophische Miniaturen von Beckett’schem Zuschnitt schuf, lässt sich hier Seite für Seite nachvollziehen. Aber Achtung: Ohne Englischkenntnisse gehts nicht; «Krazy Kat» gilt – nicht zuletzt wegen des Kauderwelschs der Katze – bis heute als unübersetzbar.

Detail aus einem «Krazy Kat»-Comic von 1936. Foto: Taschen

Als Vorwort, ebenfalls reich bebildert, liefert Alexander Braun einen Hintergrundartikel über George Herrimans Leben und Werk. Der deutsche Comicspezialist befasst sich dabei mit den abrupt wechselnden (Wüsten-)Landschaften in «Krazy Kat», die er als «optische Slam-Poetry» bezeichnet. Er berichtet von den Ursprüngen des Comics, der aus Nebenfiguren in Herrimans Serie «Dingbat Family» entstand und dank grosser Beliebtheit zum eigenständigen Strip gedieh. Und er verweist auf das Vermächtnis von «Krazy Kat», das bis heute in tierischen Verfolgungsjagden à la «Tom und Jerry» nachwirkt.

Verschleierung der Herkunft

Was Herrimans Kunst ausmacht – die Sprachspielereien, der Dadaismus, die Zitate von der Antike bis zu Shakespeare –, Braun verortet sie in dessen Ausbildung an der katholischen Schule St. Vincent in Los Angeles, wo Herriman nicht zugelassen gewesen wäre aufgrund seiner kreolischen Wurzeln. Was zur nächsten «Crazyness» im Leben dieses Künstlers führt: Laut Geburtsurkunde ist er 1880 in New Orleans als Schwarzer geboren. Danach versuchte er seine Herkunft zu verschleiern: Herriman legte sich den Übernamen «The Greek» zu und verdeckte die gekrausten Haare mit einem Hut. Als er 1944 in Los Angeles starb, stand auf dem Totenschein «Weisser». Krazy Kat würde dazu in seinem typischen Slang vermutlich sagen: «An’ that’s wot day it’s been evva since.» (zas)

Alexander Braun: George Herriman, The Complete Krazy Kat in Colour 1935–1944, Taschen-Verlag, Köln 2019. 632 S., ca. 200 Fr.