2015-06-03 00:30

Aber hallo, Frau Pfarrer!

Sibylle Forrer ist reformierte Pfarrerin in Oberrieden ZH. Seit kurzem gehört sie zum Team, das im Wechsel das «Wort zum Sonntag» spricht. Mit ihrer lockeren Art macht sie Furore.

Der «Lifestyle des Glücklichseins» behagt ihr nicht, Sibylle Forrer mag ihre Religion kopflastig. Foto: Tom Kawara

Der «Lifestyle des Glücklichseins» behagt ihr nicht, Sibylle Forrer mag ihre Religion kopflastig. Foto: Tom Kawara

Es ging um die «Ehe für alle», und das war ja schon aufregend genug. Zumal das Thema nicht im «Club» auf SRF 1 ­abgehandelt werden sollte, sondern im «Wort zum Sonntag». In diesem stillen Format also, das seit Jahrzehnten am Samstagabend auf die Tagesschau folgt und inmitten des modernen TV-Getöses wirkt wie aus der Zeit gefallen. Aber «Ehe für alle», aus religiöser Sicht betrachtet, das garantierte Zündstoff.

Es lag dann vor allem an der Selbstverständlichkeit der jungen Frau vor der Kamera, dass man vier Minuten lang gebannt zuhörte. «Das Liebesgebot», sagte sie, «ist das Fundament der aktuellen, viel zitierten christlichen Werte. Es geht darum, dass wir Grundlagen für verantwortungsvolle und verbindliche Beziehungen schaffen. Ob es sich dabei um gleichgeschlechtliche oder heterosexuelle Partnerschaften handelt, hat in meinen Augen keine Bedeutung.» Dann machte sie eine winzige Pause, und fast erwartete man ein Achselzucken, als sie anfügte: «Liebe ist Liebe.» Sibylle Forrer zeigte die Andeutung eines Lächelns und wünschte allen einen schönen Sonntag – ganz so, wie wenn sie diesen nicht gerade eben mit einem zünftigen Tusch eingeläutet hätte.

Das war am 7. März. Über 7500-mal, einsamer Rekord in der Geschichte des Formats, wurde die Sendung seither im Netz angeklickt. Begeisterte Reaktionen. Dass da eine so erfrischend über Religion spricht! Dass da eine so unerschrocken eine Haltung einnimmt! Sibylle Forrer (35), reformierte Pfarrerin aus Oberrieden ZH, war nun auch all jenen ein Begriff, die nicht mitbekommen hatten, dass sie seit Oktober 2014 zum fünfköpfigen «WzS»-Team gehört.

Das «Wort zum Sonntag», 7. März 2015, gesprochen von Sibylle Forrer. Video: SRF

Drei Monate später wird sie immer noch darauf angesprochen. Sibylle Forrer bestellt ein Mineralwasser in der Almodobar in Zürich-Enge und sagt: «Religion ist immer auch politisch.» Und: Man müsse als Pfarrerin, erst recht in einem solchen Format, Stellung beziehen. Blumig um eine Sache herumzureden oder pathetisch die Bibel zu zitieren, ist ihr ein Gräuel. Glaube hat für sie mit einer konkreten Verantwortung zu tun, eben damit, Klartext zu reden.

50 Gottesdienstbesucher

Sibylle Forrer redet gern und schnell, sie ist schlagfertig, energisch und humorvoll, bodenständig dazu. Ihr Mann ist Gastronom; er fragte sie nächtelang Kirchengeschichte ab, sie ihn Lebensmittelkunde. «Er ist», sagt sie, «der beste Pfarrmann, den man sich wünschen kann, und in der Gemeinde ist seine Tomatensauce berühmt.» Pastoral ist an ihr gar nichts; sie hasst es, wenn in ihrem Metier nickend vermeintlich verständnisvolle Floskeln verwendet werden wie «Das verstehe ich». «Wie könnte ich das zu einem Mann im Pflegeheim sagen, dessen Frau gerade gestorben ist?» Noch weniger pastoral ist ihr Aussehen: Sie hat ein Flair für Mode, trägt lackierte Fingernägel und einen verwegenen Lidstrich. Etwas besseres als Sibylle Forrer hätte den Schweizer Protestanten nicht passieren können.

2000 Reformierte gibt es in Oberrieden, sonntags lauschen 50 davon ihrer Predigt. «Im Winter», sagt sie und lacht, «sind es mehr, dann machen die Leute weniger Ausflüge, und wegen Weihnachten ist es ihnen mehr ums Religiöse.» Was heisst «mehr»? Sie legt den Kopf schräg: «Dann sind es etwa 60.» Die leeren Kirchenbänke führt sie nicht auf mangelndes Interesse an der Religion zurück. Sie sieht es, wie eigentlich alles, pragmatisch: Der Sonntagsgottesdienst spreche nun mal nur ein gewisses Segment von Gläubigen an, den Jungen entspreche nur schon die Uhrzeit nicht.

Es ärgert sie trotzdem, dass die reformierte Kirche mitsamt ihren vielen Dienstleistungen in Vergessenheit zu geraten scheint. In der Seelsorge, diesem herrlich altmodischen Begriff dafür, dass einem einfach jemand zuhört, erkundigen sich die Leute am Schluss manchmal, wie viel das nun koste. Selbst nach Beerdigungen fragen sie das. Darauf wieder ein Forrer-Satz: «Das mit dem Marketing haben wir Protestanten einfach nicht drauf. Daran müssen wir arbeiten. Wir haben keine Stimme, es gibt nicht einmal einen offiziellen Vertreter. Deshalb nimmt man uns so wenig wahr.»

Sie liebt diese nüchterne, kopflastige Religion, gerade auch, weil sie einen fordert. Dass sie zunehmend abgelöst wird durch einen «Lifestyle des Glücklichseins», wie sie das nennt – ein Konglomerat aus Esoterik, einem Hauch Dalai Lama und ein wenig Buddha, gemixt mit Yoga und Ayurveda, möglichst so, dass es nicht anstrengend ist –, beelendet sie. «Alles soll immer super, wahnsinnig, grossartig sein, mit ‹Fifty Shades of Grey›-mässigem Sex. Dieser Wunsch, in Superlativen zu leben, hat ein Unvermögen zur Folge, mit Niederlagen oder Schwierigkeiten umgehen zu können.» Es habe einst einen genialen reformierten Slogan gegeben, sagt sie: «Selber denken». Und genau darum gehe es. Das sei zwar manchmal mühsam. Aber doch viel interessanter, eine Herausforderung.

Deshalb hatte sie sich damals überhaupt für Theologie entschieden: Weil das Studium so viele Facetten bot, die sie intellektuell forderten. Behandelt wird Philosophie, Literaturwissenschaft, Geschichte, man setzt sich mit sämtliche Weltreligionen auseinander und, natürlich, mit all dem, was nicht naturwissenschaftlich erklärbar ist. Die Sprachen, die sie dafür lernen musste – Hebräisch, Altgriechisch, Latein –, für die meisten abschreckend, waren erst recht ein Grund, sich für das Fach einzuschreiben.

Eine Exotin an der Uni

Zu Hause hat die Religion keine grosse Rolle gespielt. Sie erinnert sich mehr an das Barbie-Pferd – mit einer Mähne, die sich kämmen liess! –, das sie zum Abschluss der Sonntagsschule geschenkt bekam, als an den Inhalt dessen, was den Kindern dort mit auf den Weg gegeben wurde. Eine religiöse Neugierde war dennoch vorhanden; sie lernte aus eigenem Antrieb das Unservater auswendig, zum Erstaunen ihrer Eltern. Die wirkten aktiv in der Gemeinde Erlenbach mit, «Man kannte mich daher». Was ihr heute entgegenkommt: Sie kann gut damit umgehen, beobachtet zu werden. «Bloss einen Schwangerschaftstest», sagt sie und lacht schallend, «würde ich dann doch nicht in Oberrieden kaufen.»

An der Fakultät kam sie dann «auf die Welt». Sie rollt mit den blauen Augen. Da waren viele, die einen missionarischen Eifer an den Tag legten, das war ihr fremd. Es machte sie noch mehr zur Exotin, die sie ohnehin schon war. Nicht wegen ihres Geschlechts – mittlerweile sind rund die Hälfte aller reformierten Pfarrer weiblich –, sondern weil sie in keiner Weise dem Klischee einer Theologiestudentin entsprach.

Das wirkt bis heute nach. Als frisch gewählte Pfarrerin von Oberrieden kam es manchmal durchaus vor, dass sie bei einer Trauerfamilie läutete, um die Beerdigung zu besprechen, und man ihr an der Tür beschied, es sei gerade unpassend, man warte auf die Frau Pfarrer. Mitunter sind ihr Alter und ihr unkonventionelles Äusseres aber auch eine Art Türöffner, vor allem bei den Jungen. Die Hemmschwelle gegenüber einer Pfarrerin mit hohen Absätzen, die ein unverkrampftes Verhältnis zu Make-up hat und unverblümt ihre Meinung kundtut, ist kleiner.

Gerade bei den Jungen stellt sie seit ein paar Jahren ein zunehmendes Bedürfnis nach religiösen Antworten fest. Beten etwa sei ihnen wichtig, oft wichtiger als den Eltern. Das Interesse freut sie, aber anbiedern tut sie sich nicht, die Quittung käme sofort: «Die Jungen merken schnell, wenn man nicht authentisch ist.» Und da helfe dann auch kein Lippenstift. Sagts, nimmt noch schnell einen Schluck Cola Zero, das sie immer in der Handtasche hat, und eilt zu einem Termin mit der Oberriedner Kirchenpflege.

Es wird eine heitere Sitzung werden.