2020-01-10 17:21

Das sind die Ausnahmekönner der Handball-EM

Der eine sammelt als Grossverdiener Kunst, andere zeigen sie beim Schiessen oder verzaubern ein Prinzenpaar. Was sie alle vereint: Sie sind Schlüsselspieler des Turniers.

Dänemarks wichtigster und bester Spieler: Mikkel Hansen. (Bilder: Getty Images (3), Imago (2), Alamy (1))

Dänemarks wichtigster und bester Spieler: Mikkel Hansen. (Bilder: Getty Images (3), Imago (2), Alamy (1))

  • Roland Jauch

24 Mannschaften, so viele wie noch nie, treten bei dieser Europameisterschaft auf. Sie alle setzen aufs Kollektiv und hoffen dennoch – oder gleichzeitig –, dass ihre Stars den Unterschied machen. Nikola Karabatic prägt zwar seit 2002 das Spiel der Franzosen, doch sein Einfluss ist deutlich kleiner geworden. Wollen die Franzosen wieder einen Titel gewinnen, müssen neue Leute in den Vordergrund rücken. Wie zum Beispiel Melvyn Richardson.

Eine Auswahl von Spielern, die an dieser EM zu Helden ihres Teams werden können:

Der SchussgewaltigeMikkel Hansen, Dänemark

Für Dänemarks besten Handballer werden Ausnahmen gemacht. Vor einem Jahr durfte er kurz vor der WM fehlen, weil er Vater geworden war. Der 32-Jährige dankte es mit einer Topleistung auf dem Weg zum ersten WM-Titel. Der Mann mit dem Stirnband hat einen der härtesten Schüsse – wenn seinem Team ein Zeitspiel droht, ist es oft die einfachste Variante, wenn Hansen einfach den Ball nimmt und wirft.

Das, was die Goalies zusätzlich ärgert: Der Mann schiesst nicht nur scharf, sondern er hält auch noch den einen oder anderen Trickwurf bereit. Bereits 2011 wurde Mikkel Hansen, dessen Vater Flemming 120 Länderspiele für Dänemark absolviert hat, zum ersten Mal zum Welthandballer gewählt, mittlerweile sind es drei solcher Auszeichnungen. Er ist Europameister, Olympiasieger und Weltmeister. Das hat ihm auch finanziell einiges gebracht: Er gilt als der Handballer, der am meisten verdient. Auf 80000 Euro pro Monat wird sein Gehalt bei Paris Saint-Germain geschätzt, wo er seit 2012 spielt. Ein Teil seines Lohns investiert er für sein Hobby: Er sammelt Kunst.

Der SpielmacherSander Sagosen, Norwegen

Norwegens Gejagter: Sander Sagosen.

In Trondheim wurde Sander Sagosen geboren, aus Trondheim zog er in die weite Handball-Welt hinaus – und dorthin ist er nun mit der norwegischen Nationalmannschaft als Topspieler zurückgekehrt. Der 24-Jährige absolviert sein drittes und letztes Jahr in Paris, ab nächster Saison führt er Regie bei Kiel. Alle Clubs, die über eine gewisse finanzielle Potenz verfügen, interessieren sich für ihn. 50000 Euro pro Monat haben ihn zum Wechsel nach Deutschland bewegt. Er unterzeichnete bereits im letzten März einen Dreijahreskontrakt.

«Das ist der nächste und logische Schritt in meiner Karriere», sagte Sagosen zum Wechsel in die Bundesliga, die vor allem physisch noch einiges mehr abverlangt als die Meisterschaft in Frankreich. Sagosens Qualitäten als Spielmacher waren schon früh zu sehen. Bereits als 18-Jähriger hatte er die ersten Auftritte in der Nationalmannschaft. Die Schweizer Spieler machten im Playoff für die WM im letzten Sommer Bekanntschaft mit seinen Pässen und Würfen. Sagosen hat einen sehr grossen Anteil am Aufschwung der Norweger, die 2019 und 2017 im WM-Final standen.

Der SohnAlex Dujschebajew, Spanien

Spaniens grosser Name: Alex Dujschebajew.

Talant Dujschebajew erstaunte einst die Handball-Welt. Der Kirgise zauberte als Spielmacher von ZSKA Moskau und der sowjetrussischen Nationalmannschaft – sowie nach dem Nationenwechsel im Herbst seiner Karriere in Spanien und in Spaniens Nationalteam. Er konnte (fast) alles. Einzig die Würfe über die gegnerischen Abwehrreihen fielen ihm bei 1,83 m Grösse etwas schwer. Alex, der eine Sohn Talants, geriet vier Zentimeter länger – und er hat den grossen Vorteil, Linkshänder zu sein.

Bei Ciudad Real war sein Vater, immerhin zweimal Welthandballer, einer seiner ersten Trainer. Mit Vardar Skopje gewann der 27-Jährige vor zwei Jahren die Champions League, nachher folgte er seinem Vater zum polnischen Club Kielce. Alex hat viel von seinem Vater gelernt, nur die eiserne Disziplin, mit der sich Talant zum Spitzenspieler hocharbeitete, geht ihm etwas ab. Am EM-Titel vor zwei Jahren hatte er indessen grossen Anteil. Bruder Daniel (22) steht ebenfalls in Spaniens Kader.

Der GoalieschreckUwe Gensheimer, Deutschland

Deutschlands Trickschütze: Uwe Gensheimer.

In der Schule musste Uwe Gensheimer eine «Ehrenrunde» drehen, ehe er das Abitur in der Tasche hatte. Auf dem Handballfeld war der linke Flügel von Anfang an einer der Besten. Sein Handgelenk hat es in sich. Keiner bringt die Bälle mit so viel verschiedenen Varianten im Tor unter. Der 33-Jährige kann dem Ball einen Drall geben, der fast jeden Torhüter einfach nur schlecht aussehen lässt.

In Deutschland wird er als weltbester Linksaussen gefeiert. Ob alle mit dieser Wertung einverstanden sind, bleibe dahingestellt. Nach drei Jahren in Paris, wo er ganz passabel Französisch lernte, kehrte er auf diese Saison zu Andy Schmids Löwen zurück, er hat schon über 2000 Bundesliga-Tore erzielt. Gensheimer wurde mit Deutschlands Junioren Europameister, ein grosser Erfolg im Nationalteam fehlt ihm. Beim WM-Titel 2007 gehörte er noch nicht zum Kader, beim EM-Gold 2016 war er verletzt.

Der BasketballerMelvyn Richardson, Frankreich

Frankreichs Hoffnung: Melvyn Richardson.

Als Jackson Richardson 2008 sein letztes Spiel absolvierte, kam gegen Ende der Partie der damals elfjährige Sohn Melvyn zum Einsatz – und erzielte den letzten Treffer. Es war eine symbolische Fackelübergabe, heute ist der 22-Jährige Nationalspieler. Sein Vater Jackson war nicht nur der erste «Rasta-Man» im Handball und einer der ersten überragenden Franzosen, sondern er gab auch öffentlich zu, dass er den einen oder anderen Joint nicht verschmähe.

Melvyn Richardson schwärmte zwar für Basketball, aber er begann bereits als 8-Jähriger mit Handball. Er ist in Montpellier Teamkollege des Schweizer Goalies Nikola Portner und wurde in der vergangenen Meisterschaft zum besten Spieler und zum besten Rückraum-Linkshänder gewählt. Als Junior gewann er EM- und WM-Gold, nun ist er eine der Hoffnungen bei Frankreichs Anlauf auf den nächsten Titel.

Der ErobererNiklas Landin, Dänemark

Dänemarks Riese: Niklas Landin.

Früher war es mal anders, aber im modernen Handball ist klar: Ein Torhüter muss gross sein. Exakt zwei Meter hoch ist das Gehäuse. Der Däne Niklas Landin muss sogar seinen Kopf einziehen, wenn er sich unter die Latte stellt. Er misst 2,01 m. Landin ist im 900-Seelen-Dorf Gudme geboren. Von dort hat er die Handballwelt erobert, seit 2015 verdient der 32-Jährige sein Geld beim THW Kiel.

Der Familienmensch spielte bei allen Titeln der Dänen (Olympia 2016, EM 2012 und WM 2019) eine Hauptrolle. Vor einem Jahr hielt er vor 15000 Zuschauern – darunter der dänische Kronprinz und die dänische Kronprinzessin – im WM-Final gegen Norwegen in der ersten Hälfte zwei Penaltys. Im Halbfinal gegen die Franzosen (38:30) entschärfte er nicht nur die gegnerischen Schüsse, sondern traf auch noch zweimal ins (leere) Tor.