2014-02-23 13:44

«Die Öffentlichkeit will jetzt etwas Neues»

Interview

Julija Timoschenko strebt nach ihrer Freilassung den Präsidentenposten an. Aber wollen die Ukrainer das überhaupt? Dazu der Landeskenner Michael Moser von der Universität Wien.

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Herr Moser, welche Rolle kann Julija Timoschenko in der Ukraine künftig spielen? Zunächst ist es eine gute Sache, dass Julija Timoschenko nicht mehr im Gefängnis ist. Die Freilassung hat einen hohen symbolischen Wert: Sie zeigt, dass der Umbruch gelungen ist. Trotzdem glaube ich nicht, dass die Mehrheit der Bevölkerung wünscht, dass Timoschenko eine führende Rolle in der Politik des Landes einnimmt.

Warum nicht? Timoschenko ist eine kontroverse Figur. Die Öffentlichkeit will jetzt etwas Neues und die Vergangenheit hinter sich lassen.

Der bisherige Präsident ist aus der Hauptstadt abgereist. Bilder zeigen, wie das Volk seinen Landsitz in Beschlag nimmt. Ist das Kapitel Janukowitsch abgeschlossen? Janukowitsch ist weg – soweit ich die Lage zurzeit überblicke, ist das ein Fait Accompli. Ich hoffe, man wird ihn in Den Haag am Internationalen Strafgerichtshof wiedersehen.

Ist der Umsturz auch eine Niederlage für Russland? Der russische Präsident Wladimir Putin kann mit den Ereignissen der letzten Tage nicht glücklich sein. Die neuen Machthaber in Kiew werden sich um grössere Distanz zu Moskau bemühen als der entmachtete Präsident. Es ist davon auszugehen, dass nun wieder die Annäherung an die Europäische Union gesucht wird. Entsprechende Signale aus der EU wären dabei hilfreich.

Wie gross ist die Gefahr einer Zweiteilung des Landes? Kleiner, als manche Medien es darstellen. Die regionalen Unterschiede werden überbetont. Nicht «die Ostukrainer» haben sich gegen das neue Parlament gestemmt, sondern die regionalen, mit Janukowitsch und Putin eng verbundenen Machthaber. Wenn ich meinen Quellen glauben darf, haben sie bereits das Land verlassen.

Wie gravierend ist die sprachliche Spaltung der Ukraine? Auf dem Maidan existiert keine sprachliche Spaltung als solche. Gemessen am übergeordneten Ziel einer neuen Ukraine sind die sprachlichen Unterschiede unproblematisch, das zeigt auch die Analyse der sozialen Medien. Nicht nur ukrainisch sprechende, sondern auch viele russisch sprechende Menschen sind auf den Strassen. Die ersten Opfer waren Armenier und Weissrussen, unter den Teilnehmern befinden sich ethnische Juden – die Protestbewegung hat multinationalen Charakter.

Es wurde auch über rechtsextreme Gruppen berichtet. Man sollte diese Geschichte endlich vergessen. Es gibt eine grosse Partei, die rechts vom Zentrum steht, das ist keine Frage. Das Gewicht dieser Rechten ist aber über Monate hinweg überbetont worden: Das ist die grosse, vor allem in Moskau konstruierte Geschichtslüge. Die ganze Zeit über waren ganz normale Menschen auf dem Maidan – Leute, die ich persönlich kenne.

Die heutigen Ereignisse erinnern an den arabischen Frühling: Ein Despot wird vom Volk aus dem Amt gedrängt. Später zerschlugen sich in Ägypten aber die Hoffnungen vieler Protestierender. Droht in der Ukraine ein ähnliches Szenario? Vorhersagen sind schwierig, doch ich denke dass die Menschen sich der zu bewältigenden Probleme sehr wohl bewusst sind. In der Ukraine fehlt im Gegensatz zu Ägypten der Islamismus. Das Land hat zutiefst europäische Traditionen. Ich bin vorsichtig optimistisch. Ausserdem haben die Entwicklungen der letzten Wochen – Tote, nackte Menschen, die geschlagen werden – schlicht keinen anderen Weg mehr zugelassen.

Wie gross sind die Chancen, dass die für Mai vorgesehenen Wahlen in geordneten Bahnen über die Bühne gehen? Die jüngsten Nachrichten geben Anlass zur Hoffnung. Der kolportierte Versuch der Machthaber in Charkow, eine lokale Republik auszurufen ist gescheitert. Ukrainische Medien schreiben, dass Wladimir Putin dem nicht zugestimmt hat. Internationaler Druck dürfte hier eine grosse Rolle gespielt haben.

Ist es also bedeutungslos, wenn Janukowitsch von einem «Staatsstreich» spricht und den Rücktritt verweigert? In einem heutigen Fernsehinterview hat Janukowitsch die Ereignisse am Maidan mit den Vorgängen in Deutschland in den dreissiger Jahren verglichen. Das zeigt, dass Janukowitsch mit seinen Äusserungen jeglichen Realitätsbezug verloren hat.

Tagesanzeiger.ch/Newsnet

Michael Moser ist Professor für slavische Philologie an der Universität Wien, der Katholischen Péter Pázmány-Universität in Budapest/Piliscsaba und der Ukrainischen Freien Universität in München. Er ist Präsident der Internationalen Ukrainistenvereinigung.
Michael Moser ist Professor für slavische Philologie an der Universität Wien, der Katholischen Péter Pázmány-Universität in Budapest/Piliscsaba und der Ukrainischen Freien Universität in München. Er ist Präsident der Internationalen Ukrainistenvereinigung.(Bild: zvg)