2018-11-22 16:08

Banker zerstört Fussfessel und türmt

Der in Athen im Hausarrest sitzende Banker Jean-Claude Oswald ist geflüchtet.

War in der Westschweiz Banker, dann mit Fussfessel unter Hausarrest in Athen: Jean-Claude Oswald.

War in der Westschweiz Banker, dann mit Fussfessel unter Hausarrest in Athen: Jean-Claude Oswald.

(Bild: Angelos Christofilopoulos)

2,5 Zimmer gross ist sein Gefängnis: Seit knapp zwei Jahren steht Jean-Claude Oswald in Athen unter Hausarrest. Der Franzose, der im Tessin aufgewachsen ist, arbeitete für verschiedene Geldhäuser in der Westschweiz, darunter die UBS, BNP Paribas und die Schweizer Niederlassung der deutschen Dresdner Bank. Das wurde ihm zum Verhängnis: Die griechische Justiz wirft ihm vor, in mehrere Schmiergeldskandale verwickelt zu sein.

Doch das Verfahren zieht sich in die Länge. Sein Hausarrest wurde mehrmals verlängert – ohne dass jemals eine Strafe gegen ihn verhängt wurde. Für seinen Lebensunterhalt musste er selber aufkommen. Seine medizinische Versorgung war zudem notdürftig.

Jetzt ist Oswald getürmt. Nach einem Gerichtstermin in Athen soll er seine Fussfessel zerstört haben und geflüchtet sein. Wie genau er das gemacht hat, ist nicht bekannt. Die griechische Polizei habe die Fahndung aufgenommen, berichten griechische Medien. Bislang fehlt jede Spur.

Schlüsselrolle im Siemens-Skandal?

Vor gut einem Jahr trafen wir Oswald in Athen. Zu dem Zeitpunkt sass er bereits seit mehr als sieben Monaten in seiner Wohnung. Zuvor hatte er 18 Monate in Untersuchungshaft in einem griechischen Gefängnis verbracht. Davor war er während sechs Wochen in einem Gefängnis in Abu Dhabi. Dort war er auf der Rückreise aus Thailand festgenommen worden.

Oswald wurde vorgeworfen, im Siemens-Skandal eine Schlüsselrolle gespielt zu haben. In diesem sollen Mitarbeiter des Konzerns weltweit Beamte und Politiker geschmiert haben. Allein 70 Millionen Euro sollen 1997 an die griechische Telekommunikationsgesellschaft OTE gezahlt worden sein, damit der deutsche Konzern den Auftrag für die Digitalisierung des griechischen Telefonnetzes erhalten würde. Das Geld floss über Schweizer Konten von zahlreichen Schattenfirmen auf der ganzen Welt. Zu dieser Zeit wurden noch keine Fragen über dubiose Geldflüsse der Kundschaft gestellt.

Yoga und Bücher

Ein Kunde Oswalds soll für Siemens Schmiergelder an Staatsbetriebe und die Politik verteilt haben. Die griechische Justiz glaubt, dass der Banker mehr war als nur der Kundenberater des Griechen. Das Verfahren in diesem Fall ist noch nicht abgeschlossen. Oswald selbst sagte dieser Zeitung, er könne über die Vorwürfe nur bitter lachen. Wie soll er gewusst haben, was sein Kunde für Geschäfte machte?

Seine Zeit im Hausarrest verbrachte Oswald mit Lesen und Yoga. Damit habe er im Gefängnis angefangen. Die Mithäftlinge hätten alle geboxt, aber er habe seine Yogaübungen gemacht, die er sich mit einem Buch beigebracht habe. Stundenlang liest er – Kundera, Pasternak, Camus, Foucault. Viel über Philosophie, Sozialwissenschaften, Politikwissenschaft. «Es ist mein Glück, dass ich so viel lese. Das hilft mir sehr», sagte Oswald dieser Zeitung.

Die Fussfessel habe er selbst bezahlen müssen. 15 Euro pro Tag kostete sie. Der Akku halte nur ein paar Stunden und der Bewegungsradius des Bankers innerhalb seiner Wohnung beschränkt sich auf die Länge des Kabels. Fällt die Fessel aus, rufe die Polizei an und bitte ihn darum, das Bein zu bewegen, damit sich das Gerät wieder einschalte, sagte Oswald.