2017-10-14 01:36

Der Mann, der Stalker versteht

Was der Experte Wolf Ortiz-Müller der Schweiz empfiehlt.

«Viele Täter sehen sich selbst als Opfer»: Psychotherapeut Wolf Oritz-Müller.

«Viele Täter sehen sich selbst als Opfer»: Psychotherapeut Wolf Oritz-Müller.

Warum tut er sich die an? Wolf Ortiz-Müller, ein aus Bayern stammender, seit Jahrzehnten mit seiner Familie in Berlin lebender Psychotherapeut, hat sich auf die Arbeit mit Stalkern spezialisiert. Also nicht nur auf die Opfer, die ja therapeutische Hilfe dringender brauchen, wie man meinen könnte. Sondern auf die Täter. Die Nachsteller, die Kontrollierenden. Die Telefonterroristen, die Dauermailversender. Die Männer, die nicht verstehen können, warum ihre Freundin sie verlassen hat. Die wissen wollen, mit wem sie jetzt zusammen ist. Und die hoffen, sie zu sich zurückzwingen zu können.

Oder dann die Frauen, die Abende lang vor der Wohnung des ehemaligen Freundes stehen und schon glücklich sind, in seine erleuchtete Wohnung hochzuschauen. Die ihren Professor mit Mails zutexten, weil sie bei ihm in einer Prüfung durchgefallen sind. Kurz: Leute, die ihren Kontrollverlust mit Kontrollversuchen kompensieren.

Wolf Ortiz-Müller denkt auch an jenen Typen aus einer Rocker-Gang, mit Tattoos vollgestochen, der ihm am Anfang der Behandlung sagte, er könne auch nicht verstehen, warum er dieser Frau nachstelle, denn eigentlich müssten die Frauen ihm nachstellen. «Ein paar Therapiestunden später brach er in Tränen aus», erinnert sich der Therapeut. «Er kam mir vor wie ein kleiner Junge.» Darum tut er sich solche Stalker an: «Weil ich immer wieder erlebe, was sich hinter solchen kriminellen Aussenhandlungen für ein seelisches Leid verbirgt.» Doch Verstehen zu können, bedeutet für den Psychologen nicht, Verständnis zu haben; vielmehr müssen die Stalker selber verstehen lernen, warum sie so selbstbezogen und aggressiv handeln. Es sei ironisch, sagt er: «Viele Täter sehen sich selbst als Opfer.»

Und was sagt der Fachmann über die Anträge des Bundesrats von dieser Woche für den besseren Schutz der Opfer von häuslicher Gewalt und Stalking? Was Ortiz-Müller am besten findet, kann er aus eigener Erfahrung belegen: dass die bedrängten Frauen und Männer schon Hilfe bekommen, sobald sie eine Anzeige erstattet haben, also möglichst früh. Und dass die Stalkerinnen und Stalker ebenso früh darauf hingewiesen werden, dass ihr Verhalten als kriminell, bedrohlich und auch sonst untolerierbar eingeschätzt wird. Der Bundesrat möchte dieses Bedrohungsmanagement, wie man dazu sagt, auch in der Schweiz verstärken und verlangt von den Kantonen, die Zusammenarbeit zu verbessern.

Dass eine Behörde ein Verfahren selbst dann nicht einstellt, wenn ein Opfer das wünscht: Diese neue Schweizer Massnahme mag eigenartig klingen, der deutsche Fachmann kann sie leicht erklären. «Einige Opfer werden vom Täter unter Druck gesetzt und haben Angst. Andere wollen ihn gar nicht strafen oder demütigen. Sie wollen nur, dass er endlich aufhört.»