2015-01-28 01:30

«Einer der grössten Kunstdiebe»

Der Vater von Cornelius Gurlitt und seine Verstrickungen in das Nazi-Regime: Die britische Kunsthistorikerin Susan Ronald veröffentlicht im Herbst ein Buch über Hildebrand Gurlitt.

Er sei ein «gewissenloser Charmeur» gewesen, sagt Susan Ronald über Hildebrand Gurlitt (1895-1956). Foto: Keystone

Er sei ein «gewissenloser Charmeur» gewesen, sagt Susan Ronald über Hildebrand Gurlitt (1895-1956). Foto: Keystone

  • Alexander Sury

«Es ist ein sehr teures Buch geworden. Ich habe fast 40'000 Kilometer zurückgelegt und während mehrerer Jahre Archive in den USA und in ganz Europa besucht.» Sie hat auch eine Sammlung von Raubkunst mit eigenen Augen gesehen und dabei geholfen, zwei von den Nazis gestohlene Bilder an die rechtmässigen Eigentümer zurückzugeben. Ein solcher Aufwand soll sich natürlich lohnen. Aber über den Inhalt des Buches reden, das tut sie nur ungern.

Susan Roland entschuldigt sich in London am Telefon zuerst einmal mit britischer Höflichkeit und bittet um Verständnis, dass sie sich nicht in die Karten blicken lasse. «90 Prozent des Inhalts meines Buches enthalten neue Informationen über Hildebrand Gurlitt, deshalb kann ich zum jetzigen Zeitpunkt nicht allzu viel über die Ergebnisse meiner Forschungen verraten.» Lange wollte sie auch aus Rücksicht auf die damals noch lebenden Kinder Gurlitts den Stoff als Roman erzählen; nach dem Schwabinger Kunstfund jedoch entschied sie sich für ein Sachbuch. Auf die Funde in München und Salzburg angesprochen, sagt sie nur: «Überrascht hat mich eigentlich nur, wie wenig entdeckt wurde.»

Das Erscheinungsdatum des Buches über den deutschen Kunsthändler, dessen Sammlung sein Sohn Cornelius dem Kunstmuseum Bern vererbt hat, war für Juni vorgesehen. Jetzt ist die Publikation auf Ende Oktober verschoben worden. Die Anwälte des Verlags, sagt Ronald, prüften derzeit den Inhalt minutiös auf mögliche Klagen von im Buch erwähnten Personen und Institutionen. Wer muss sich denn vor den Enthüllungen fürchten? Susan Ronald lacht: «In den USA werden viele wütend auf mich sein, vor allem Leute aus der Museumswelt.» Und in der Schweiz? «Sagen wir es so: Es gibt Institutionen und auch Stiftungen, die nicht erfreut sein werden.»

Standardbriefe aus Berlin

Die Kunsthistorikerin hat sich bislang nicht öffentlich zum Fall Gurlitt geäussert, obwohl sie offenbar über wertvolle Informationen verfügt. Als «exzellente Kennerin der Materie» bezeichnet sie der deutsche Rechtsanwalt und Raubkunstexperte Markus Stötzel. Er vertritt unter anderem die Erben des jüdischen Kunsthändlers Alfred Flechtheim und hat von Susan Roland «sehr hilfreiche Informationen» erhalten.

Stötzel ist nicht zufrieden mit der «bürokratischen Umsetzung» der vom Kunstmuseum Bern, vom bayrischen Staat und vom Bund getroffenen Vereinbarung. Eine Anfrage von ihm, mit der er Einblick in die Geschäftskorrespondenzen von Gurlitt verlangte, wurde vom Staatsministerium für Kultur in Berlin mit einem Standardbrief beantwortet. Unter Hinweis auf Persönlichkeitsrechte und Datenschutz wurde ihm beschieden, der Zeitpunkt sei offen, wann bestimmte Materialien veröffentlicht würden: «Mich stört, dass in der Geschäftskorrespondenz von Gurlitt aus den Jahren 1937–1944 bis heute die Verkäufer mit Klarnamen sichtbar sind, die Käufer aber eingeschwärzt bleiben.» Hier werde mit zweierlei Mass gemessen, kritisiert Stötzel, die damaligen Käufer seien heute mit grosser Wahrscheinlichkeit alle tot.» Aus der Geschäftskorrespondenz sei allerdings klar ersichtlich, so Stötzel, dass Gurlitt während des Kriegs in Frankreich «im grossen Stile Kunstgeschäfte getätigt hat».

Einen von Staatsministerin Monika Grütters unterschriebenen Standardbrief hat auch Ronald im letzten Dezember erhalten. Eine wichtige Information habe sie den deutschen Behörden weitergeben wollen, sagt sie. Offenbar sei man in Berlin nicht interessiert an ihrem Wissen. Wenn Bern demnächst die ersten von der Taskforce als unbedenklich eingestuften Bilder erhalten werde, stelle sich doch die Frage: «Was ist die Definition von unbedenklich?»

Ronald sagt nur so viel: Hildebrand Gurlitt habe im besetzten Frankreich ab 1941 zwar viele Bilder offiziell gekauft, ob aber die Verkäufer wirklich den vereinbarten Kaufpreis erhalten hätten, sei höchst fraglich: «Gurlitt war ein Spezialist darin, Bilder zu kaufen, ohne dafür zu bezahlen.» Er habe nach dem Krieg gegenüber den Amerikanern in Verhören jegliche Verbindung mit Raubkunst abgestritten und behauptet, stets «in good faith» gehandelt zu haben. «Ich kann in meinem Buch beweisen, dass dies nicht stimmt», sagt Ronald und legt noch nach: «Hildebrand Gurlitt war einer der grössten Kunstdiebe der Geschichte, sein Raubzug in Frankreich übersteigt wohl sogar den von Hermann Göring.» Etliche der Bilder der Gurlitt-Sammlung aus dem Salzburger Fund vom Februar 2014 seien eindeutig als Raubkunst zu bewerten, die direkt aus Frankreich stamme.

Die Schweiz-Connection

Den Namen Gurlitt hörte Roland erstmals in den späten 1990eren, als sie für ihre Firma in der Schweiz Investoren suchte. Ihre Spezialität war die Finanzierung von Projekten, die Umbau und Umnutzung historischer Gebäude bezweckten. Damals stand die Schweiz wegen Nazigold und nachrichtenloser Vermögen international stark unter Druck. In dem Zusammenhang kamen die Gespräche auch auf die Schweiz als Drehscheibe für den Handel mit entarteter und Fluchtkunst. Hildebrand Gurlitt war einer dieser Kunsthändler, die sich häufig in der Schweiz aufhielten. Seit 1937 einer von vier vom NS-Regime lizenzierten Händlern für entartete Kunst, war er am Ankauf von entarteter Kunst des Basler Kunstmuseums 1939 beteiligt. Gurlitt war von seinem Freund, dem Schweizer Kunstmaler Karl Ballmer, als Vermittler zwischen dem Ministerium für Propaganda in Berlin und dem Basler Kunstmuseum ins Spiel gebracht worden. Gurlitt kannte auch den Basler Kunsthändler Christoph Bernoulli – wahrscheinlich aus gemeinsamen Berliner Zeiten. Bernoulli wiederum ein enger Freund von Alex Vömel, der 1933 die Galerie Alfred Flechtheims «arisierte» und übernahm. Gurlitt hat laut Susan Ronald dabei eine massgebliche Rolle gespielt – «auch das steht in meinem Buch».

Die Schweizer Connection geht aber noch weiter zurück. Roland sagt, dass eine wichtige Frage im Zusammenhang mit Gurlitts Aufstieg nach seiner Entlassung als Leiter des Hamburger Kunstvereins im Juli 1933 nie gestellt worden sei. «Er war ein Mischling zweiten Grades und vollkommen mittellos. Wie konnte er sich da als Kunsthändler selbstständig machen?» Ihre Antwort: Eine Privatperson aus der Schweiz habe das «Kunstkabinett Dr. H. Gurlitt» finanziert. «Zur Identität dieser Person will sie sich nicht näher äussern: «Der Mann unterhielt auch später Geschäftsbeziehungen mit Gurlitt und ist mittlerweile tot.»

Das Buch über Gurlitt versteht Susan Ronald auch als Psychogramm eines hochintelligenten Menschen mit vielen «inneren Konflikten», der ständig über sein Leben gelogen und eine auffallende Wandlung durchgemacht habe. «Lange verspürte er keinen Drang, Geld zu verdienen, und wurde von seiner Familie der Faulheit bezichtigt.» Nach 1933 habe er seine Karriere plötzlich energisch, ja rücksichtslos betrieben und sei sehr erfolgreich gewesen. Ein «gewissenloser Charmeur» sei er gewesen, dem die Leute in der Not glauben wollten.

Geschickt habe er auch immer seine jüdischen Wurzeln ins Spiel gebracht. Hat er nicht auch entartete Kunst vor der Vernichtung gerettet? Susan Roland glaubt, dass auch die «Rettung» von selbstsüchtigen Motiven geleitet war. «Wenn er sich 1944 mit seinen Kunstschätzen den Alliierten ergeben hätte, dann wäre er ein Held gewesen.» Auch nach Kriegsende habe er noch verschiedene Optionen gehabt. Dass er seine Sammlung nie in eine Stiftung übergeführt habe, spreche auch für sich: «Das wäre gefährlich gewesen, er hätte möglicherweise Fragen zur Herkunft der Bilder beantworten müssen.»

Auf spekulativem Feld bewegt sich Ronald, wenn sie Gurlitts tödlichen Autounfall am 9. November 1956 infrage stellt. Dieses Datum könne kein Zufall sein: 9. November 1938, der Tag der Reichspogromnacht. «Er hatte viele Feinde, die ich im Buch auch nenne.» Sie habe vergeblich eine Kopie des Unfall­reports von der Düsseldorfer Polizei angefordert, sagt Ronald. Sie ist überzeugt, dass es kein Unfall war. «Das kann ich nicht beweisen, anderes aber schon.»

Susan Ronald

Die in Los Angeles geborene und seit 25 Jahren in England ansässige Susan Ronald ist ausgebildete Kunsthistorikerin und arbeitete bis zu ihrer Pensionierung 2010 als Investmentbankerin. Als Sachbuchautorin hat sie zwei Bücher über Königin Eilzabeth I. und ein Buch über die wechselvolle Geschichte eines besonderen Diamanten verfasst. Ihr Buch über Hildebrand Gurlitt erscheint am 20. Oktober im englischsprachigen Raum unter dem Titel «Hitler’s Art Thief. Hildebrand Gurlitt, the Nazis and a Billion Dollars in Looted Art» (St. Martin’s Press).<i> (lex)</i>
Die in Los Angeles geborene und seit 25 Jahren in England ansässige Susan Ronald ist ausgebildete Kunsthistorikerin und arbeitete bis zu ihrer Pensionierung 2010 als Investmentbankerin. Als Sachbuchautorin hat sie zwei Bücher über Königin Eilzabeth I. und ein Buch über die wechselvolle Geschichte eines besonderen Diamanten verfasst. Ihr Buch über Hildebrand Gurlitt erscheint am 20. Oktober im englischsprachigen Raum unter dem Titel «Hitler’s Art Thief. Hildebrand Gurlitt, the Nazis and a Billion Dollars in Looted Art» (St. Martin’s Press).<i> (lex)</i>