
Überschätztes Paradies
Nach der Finanzkrise steht Island zum zweiten Mal vor dem Bankrott – diesmal vor dem moralischen. Die Panama Papers zeigen, wie der Inselstaat im Ausland idealisiert wird.
Am Samstag wird ein neues Parlament auf der Insel gewählt. Abgestimmt wird aber vor allem über eine neue Verfassung, die das Land grundlegend verändern soll.

Das isländische Parlament, das im April von Tausenden Demonstranten mit Bananen beworfen wurde. Foto: Brynjar Gauti (Keystone)
Was der Amerikaner den Isländern da vorträgt, ist eine Liebeserklärung. Er ist ein guter Redner, der Pausen hinter wichtigen Worten wie «Hoffnung» und «Demokratie» macht. Der Harvard-Professor ist für einige Zeit auf die Insel gezogen, weil er sich Grossartiges von Island verspricht. «Ich hoffe», sagt er im Nordischen Haus in Reykjavík, «dass dieser wunderschöne Ort der Welt zeigen kann, dass Demokratie möglich ist.» Liebeserklärungen sind ja oft mit grossen Erwartungen verbunden.
Die Frau, die der Welt den Glauben an die Demokratie wiedergeben soll, steht neben ihm auf dem Podium. Birgitta Jónsdóttir hat die Hände wie ein Schulmädchen aufs Pult gelegt, sie schaut den Professor von der Seite an. Die Piratin trägt Schwarz, wie meistens, sie wirkt blasser als sonst. «Ja, wir sind grossartig», sagt Jónsdóttir in den kleinen Saal, in dem zu viele Menschen sind und wenig Sauerstoff. «Aber es gibt nicht genug von uns, deswegen müssen wir Rat von aussen suchen.»
Jónsdóttir (49) ist Poetin, Internetaktivistin, Mitbegründerin der isländischen Piratenpartei und vielleicht bald Premierministerin. Immer wieder hat sie das kleine Island, das von weitem oft grösser aussieht, als es ist, mit der Welt verknüpft. Die skrupellosen Finanzwikinger, der Vulkan mit seiner Aschewolke, der Fussballerfolg im Sommer und Menschen wie Jónsdóttir haben Island zum Scheinriesen gemacht. Oder, wie eine Piratin es ausdrückt: «Island ist wie ein Teenager, der zu früh berühmt geworden ist.» Und jetzt steht der Teenager unter Erfolgsdruck.
Die Isländer wählen am kommenden Samstag ein neues Parlament. Seit anderthalb Jahren führen die Piraten die meisten Umfragen an, obwohl die Partei selbst kaum vier Jahre alt ist. Viele Isländer haben die alten Parteien satt, die das Land mit ihrer Vetternwirtschaft 2008 in die Krise gestürzt haben. Damals gingen die grossen Banken pleite. Im April enthüllten die Panama Papers dann, dass drei Minister, einschliesslich des Premiers, Offshore-Vermögen verschwiegen hatten. Mehrere Tausend Menschen trafen sich zum grössten Protest der isländischen Geschichte, warfen Bananen gegen die Parlamentsmauern. Der Premierminister trat mit viel Gezeter zurück.
Die Menschen forderten Neuwahlen, sofort. Bekommen haben sie Wahlen, jetzt im Herbst, knapp sieben Monate später. Viel Zeit für die Regierungsparteien, die Wogen zu glätten. Still ist es geworden auf dem Austurvöllur, dem Platz vor dem Parlament, Dauerregen, mehr passiert nicht. Von Umbruchstimmung ist nichts mehr zu spüren, von Wahlkampf aber auch nicht.
Die Piraten haben ihr Büro in einem Gebäude auf der Rückseite des Platzes. Nur ein Stapel Piraten-Aufkleber auf der Küchenheizung verrät, welche Partei hier ihre Zentrale hat. Jónsdóttir bespricht mit ein paar Mitarbeitern die nächste TV-Debatte, dann eine Pause auf dem Balkon, die Zigarette raucht sie hastig und nicht zu Ende. Im April ist sie durchs Parlament geschwebt, getragen von den Protestrufen, die von draussen hineinschallten. Die Menschen hatten ja genau das gefordert, was sie seit Jahren will: eine neue Verfassung, mehr direkte Demokratie, alles schien zum Greifen nah.
Und jetzt treten die drei Minister aus den Panama Papers wieder zur Wahl an, sie wollen im Parlament bleiben. Finanzminister Bjarni Benediktsson hat gar Chancen, Premierminister zu werden. Er hatte zuletzt grossen Erfolg mit einem Wahlvideo, in dem er einen Kuchen für seine Kinder backt, mit gelbem Kükengesicht auf der Torte, ganz Familienmensch.
Es geht wirtschaftlich bergauf
Die Plakate, die ihn im April als Mafiaboss zeigten, sind längst vom Austurvöllur verschwunden. Seine Partei, die Unabhängigkeitspartei, ist eine der ältesten in Island. Die Isländer wissen nicht erst seit April, dass sie eine kleine Gruppe reicher Isländer, zu denen Bjarni Benediktsson selbst gehört, bevorzugt. In den Umfragen steht es nun fast unentschieden zwischen einer konservativen Koalition mit ihm an der Spitze und einer eher linken Koalition mit den Piraten. Die Wut der Menschen ist der Verunsicherung gewichen, sie wissen nicht, ob sie das neue Island immer noch wollen oder ob das alte nicht doch ganz okay ist. Schliesslich geht es wirtschaftlich bergauf.
Auch die Piratin Jónsdóttir hat sich verändert. Sie hat bisher immer gesagt, sie wolle keinesfalls Premierministerin werden. Jetzt aber sagt Jónsdóttir, dass viele Menschen sie ermuntert hätten, den Job selbst zu übernehmen. Eva Joly zum Beispiel, Korruptionsbekämpferin aus dem Europaparlament, die nichts mit dem isländischen Wahlkampf zu tun hat, aber zu den Geistern gehört, die Jónsdóttir nach Reykjavík gerufen hat.
Es geht den isländischen Piraten längst nicht mehr nur um Informationsfreiheit, Urheberrechte und Datenschutz. Sie wollen den Menschen zeigen, dass sie sich nicht abfinden müssen mit ihrer Regierung, dass sie etwas verändern können, auch mit Offenheit und Ehrlichkeit. «Wir sehen, dass in Europa gerade das totale Gegenteil passiert», sagt Jónsdóttir und meint die Rechtspopulisten, die die Angst der Menschen für ihre Zwecke benutzten. Jónsdóttir will den Gegenbeweis erbringen zu Trump in den USA, zur Brexit-Debatte, zu den AfD-Demos in Deutschland. Sie will zeigen, dass Menschen sich gemeinsam engagieren können, ohne von Angst getrieben zu sein. Da ist sie wieder, diese Riesenerwartung.
«Island ist wie ein Teenager, der zu früh berühmt geworden ist.»Birgitta Jónsdóttir
Die Isländer haben es schliesslich immer wieder probiert, nicht erst im April. Sie haben ihre eigene Verfassung neu geschrieben, die das Parlament dann aber ignoriert hat. Der Weg dorthin war einzigartig: Nach dem Crash wählte die linke Regierung knapp tausend Isländer zufällig aus. Sie sollten die grundlegenden Werte für Islands Politik definieren. Dann wählten alle Isländer ein Komitee von 25 Menschen, die diese Werte in eine Verfassung giessen sollten. Ihre Entwürfe stellten sie ins Internet, die Kommentare von dort haben sie verwertet, nannten es die erste Crowdsourcing-Verfassung der Welt. 2012 gab es ein Referendum: Zwei Drittel der Wähler stimmten dafür, dass sie Basis sein sollte für eine neue isländische Verfassung.
«Wenn man die Geschichte in Amerika erzählt, hören die Menschen die Musik im Hintergrund anschwellen, in Erregung über die Idee, dass, mein Gott, Demokratie wieder möglich ist», sagt der Professor aus Harvard, der Lawrence Lessig heisst, Verfassungsrechtler ist und in den USA Aufsehen erregt hat, als er sich kurz als demokratischer Präsidentschaftskandidat bewarb. Nun beobachtet er den isländischen statt des amerikanischen Wahlkampfs und hofft, dass er gut ausgeht für die Crowdsourcing-Verfassung. Die Piraten wollen sie durchsetzen, es ist ihre erste Priorität.
Ein anstrengendes Leben
Die Piratinnen treffen sich am Mittwochabend in einer Tapasbar in Reykjavík, Sombreros hängen vom Glasdach, es geht um Frauen und Politik. Ein Mikrofon steht im Raum, vielleicht 30 Frauen sitzen an den Tischen davor. Fast jede von ihnen wird nach vorn gehen und eine Anekdote erzählen von männlichen Kollegen, die sie Kaffee kochen geschickt haben.
Jónsdóttir geht ans Mikrofon. Sie klammert sich an ein Buch mit Gedichten, aus dem sie dann aber doch nicht vorliest. Stattdessen spricht sie darüber, warum so wenig Frauen in den Ausschüssen für Wirtschaft und Verteidigung sitzen. Über sich selbst hat sie vorher erzählt, sie habe «bis hierher ein extrem anstrengendes Leben» gehabt. Als Dichterin hat sie im Internet Anschluss gesucht, in Island fühlte sie sich isoliert. Sie hat früh Wikileaks unterstützt, nach der Finanzkrise zwei Parteien in Island gegründet. Sie hat die Initiative zu modernen Medien ins Leben gerufen, um Island zu einem sicheren Hafen für Whistleblower zu machen.
Ihre Gelassenheit erklärt sie mit Schicksalsschlägen. Erst starb die Tante, an der sie hing, dann der Stiefvater, der sich ertränkte, dann ihr Ehemann. Sie beschreibt Jahre der «massiven Suche, massiven Unsicherheit und ein nerviges System, das nicht berücksichtigt, dass es Abweichungen gibt im Leben der Menschen». Sie würde das gerne ändern, Gesetze flexibler machen. Die Crowdsourcing-Verfassung schlägt vor, dass 10 Prozent der Isländer ein Referendum fordern können.
Es gibt in Island auch eine private Gruppe, die sich für die Verfassung einsetzt und jetzt ihre Chance wittert. Eine Woche vor der Wahl lädt sie zur Veranstaltung «Verfassungen – Poesie oder Prosa». Etwa 60 Zuhörer und der isländische Präsident kommen in den Vorlesungssaal der Universität Reykjavík. Jónsdóttir setzt sich in eine hintere Reihe und hört zu. Island ist in einer ungemütlichen Situation, in einer Übergangsphase, sagt Katrín Oddsdóttir von der Verfassungsgesellschaft. Das sei wie auf einem Flughafen zwischen zwei Flügen. Man hat Angst, dass man den Anschluss verpasst oder zum falschen Gate läuft. Auf keinen Fall will man am Flughafen bleiben. «Wir als Nation stecken mitten in etwas und wissen nicht, was es ist, weil wir nicht in die Zukunft sehen können.»
Die Piraten liegen in den Umfragen bei etwa 20 Prozent, sie brauchen in jedem Fall Koalitionspartner, um zu regieren. Vor allem eine Sache dürfte dann schwierig werden: Wenn das Parlament die neue Verfassung beschliesst, muss es sich danach selbst auflösen. Die Piraten sind dazu bereit. Doch wie bringen sie die anderen Abgeordneten dazu, sich nach der Hälfte der Amtszeit selbst arbeitslos zu machen?
Wirrwarr der Loyalitäten
Wer konservative Isländer sucht, trifft sie in Reykjavík, das trotz Herbstwetter voller Touristen ist, am ehesten am Hafen. Dort gibt es ein altes Bistro mit Blick aufs Wasser. Hier decken sie schon morgens den Tisch für die alte Fischerrunde, in der auch Bootsbesitzer, pensionierte Kapitäne, Anwälte und Importeure ihren Stammplatz haben. Sie kommen jeden Tag, trinken Kaffee und reden über Politik. Die meisten von ihnen wählen die alte Unabhängigkeitspartei, wie sie es schon immer gemacht haben. Nur zwei am Tisch verkünden stolz, dass sie die Piraten wählen werden. «Ihr werdet schon noch sehen», murmelt einer.
Zu sehen ist noch gar nichts. Die Grafiken mit den Umfragen aus den letzten Wochen wirken wie ein wirres Knäuel aus bunten Fäden. «Wunderschön», sagt Piratin Jónsdóttir dazu, weil das Gewirr zeige, dass die Menschen selbstbewusst genug seien, ihre Meinung zu ändern, die Loyalität zu Parteien aufgäben.
Und wenn doch der Finanzminister gewinnt? Dann geht sie eben. Sieben Jahre Opposition mit zwei verschiedenen Parteien sei «eine sehr ermüdende Sache», sagt Jónsdóttir. Bücher schreiben will sie, für die Uno arbeiten, einen Thinktank gründen, weg aus Island. «Meine Mission ist es, die Welt zu verändern.»
Ist ihr die Welt am Ende denn wichtiger als Island? Das sei ja alles miteinander verbunden, sagt Jónsdóttir. Wenn der Klimawandel den Golfstrom verschiebt und Island unbewohnbar wird, wer soll dann die 330 000 Menschen aufnehmen? So fragt die Piratin – ganz ernst.