2016-08-10 09:33

Der Boxer

Wie ist es, seinem Gegner einen Haken zu verpassen? In diesem Fall ist die Frage falsch gestellt, denn dazu kam es nicht.

Wer einsteckt, darf auch austeilen. Bloss kommt unser Autor kaum dazu. (Video: Urs Jaudas und Lea Blum)

Die Angst vor dem SchlagTeil 1

Wenn schon, dann eine Sportart, die bisher nie infrage gekommen ist. Weder Wasserballett noch Marathon. Und auch nicht Dressurreiten. Sondern Boxen. Die harte Tour.

Für den Kampf im Ring wäre ich schon in der Pubertät zu feige gewesen. Die Angst vor dem Schlag war schon damals zu gross. Die Furcht, mit einem Hammer an den Kopf ausgeknockt zu werden. Der Schiss, dem andern so richtig eine zu langen. Nein, nichts für mich.

Wo bleibt der Mut?

Die Voraussetzungen, in den Boxring zu steigen, haben sich in all den Jahren nicht verbessert, im Gegenteil. 52 Jahre und 11 Monate alt, Schreibtischtäter, Tramfahrer, mindestens 16 Kilo Übergewicht, untrainiert, unbeweglich. Der Mut ist auch nicht gewachsen.

Unter solchen Umständen wären nicht Boxhandschuhe angezeigt, sondern eher ein Schachbrett. Oder Golfschläger. Im Extremfall vielleicht ein Hometrainer. Der würde zumindest daheim in der Wohnung für ein schlechtes Gewissen sorgen. Boxen also. Die Faszination für diese Sportart ist vorhanden. Geprägt wurde diese schon früh: Es war im März 1971. Ich war gerade mal siebeneinhalb Jahre alt, da wurde daheim am Esstisch und bei Familientreffen bei den Grosseltern intensiv und ausführlich über das Boxen diskutiert. Über Sinn und Unsinn des Faustkampfs als Sport. Über Brutalität und Spektakel. Im katholischen Umfeld, in dem gelehrt wurde, die zweite Wange hinzuhalten, hatte man auf der ersten bereits eine Ohrfeige eingesteckt.

Wer steht in der Nacht auf?

Der Kampf des Jahrhunderts war der Grund für diese Diskussionen. Muhammad Ali gab im New Yorker Madison Square Garden nach seiner Sperre wegen Wehrdienstverweigerung sein Comeback gegen den damaligen Champion Joe Frazier. Der Kleine in der Schweiz merkte, da ist etwas Aussergewöhnliches im Gange. Noch selten hatte ein Thema alle Erwachsenen in der Familie so bewegt, jeder hatte eine Meinung – selbst die Grossmutter, die solch eine Prügelei gottsträflich fand.

Je näher der Kampf kam, desto wichtiger wurde eine Frage: Wer steht mitten in der Nacht auf, um den Fight am Fernseher zu schauen? In der Erinnerung gewann Ali das Duell der beiden Schwergewichtler, einen anderen Sieger hätte es gar nicht geben können. Ali war bereits damals für alle der Grösste. Doch gegen Frazier verlor er nach Punkten.

Ali tauchte immer wieder auf, zuletzt als verehrte Legende. Zuvor als rappender Maulheld, als Tänzer im Ring, als Stratege, der sich verprügeln liess mit dem einzigen Ziel, seinen Gegner müde zu machen und dann selber zuzuschlagen. Später als kranker Mann.

Den Sport erlesen

Der Unsportliche traf auf Literaten, die dem Boxen Texte und ganze Bücher widmeten. Sie versuchten, ihm den Sport mit Worten näherzubringen. ­Norman Mailer, der selber boxte, hat ein grossartiges Buch über den «Rumble in the Jungle» verfasst, in dem er Alis Kampf in Kinshasa gegen George Foreman ­beschreibt.

Die amerikanische Schriftstellerin Joyce Carol Oates hat ausführlich übers Boxen geschrieben. Boxen kannte sie von klein auf, ihr Vater hatte sie immer wieder an Veranstaltungen mitgenommen. «Ich habe keine Schwierigkeiten, Boxen als Sport zu rechtfertigen, weil ich es nie als Sport gesehen habe», schreibt sie. «Boxen hat grundsätzlich nichts Spielerisches, nichts Helles, nichts Gefälliges an sich. In seinem intensivsten Moment ist es ein so ungebrochenes und so machtvolles Bild des Lebens – seiner Schönheit, seiner Verletzlichkeit und Verzweiflung, seines unberechenbaren und oft selbstzerstörerischen Muts –, dass es das Leben selbst ist und kaum ein blosser Sport.»

Mike Tysons Bonmot im Hinterkopf

Die Faszination für das Boxen, die ist da. Selber boxen aber? Heute Abend das erste Mal? Steht nun tatsächlich eine ­Begegnung mit dem Leben an? Macht diese Erkenntnis, wenn sie sich denn bewahrheitet, den Gang in den Boxclub Sportring Zürich im Langstrassen­quartier einfacher?

Nur eines ist klar. Ich gehe nicht mit dem Ziel dorthin, mit dem Mike Tyson in den Ring gestiegen ist: «Ich versuche, die Nasenspitze meines Gegners zu ­treffen, ich will ihm das Nasenbein ins Gehirn treiben.»

Und Tanzen ist doch olympisch!Teil 2

«Boom» würde in einem Comic gross im Bild stehen, neben einem roten Boxhandschuh, der mitten ins Gesicht des Gegners schlägt.

Ein «Boom» höre ich zwar nicht, als diese erste Faust in meinem Gesicht landet. Gross ist diese tatsächlich. Sie verharrt für lange Zeit am Kopf, meine ich. Urplötzlich war sie da. Keine Bewegung zu sehen. Zeit zu reagieren: keine. Gedanken: keine. Oder, leicht verzögert: «Nein, ich spüre nichts.» Keine Schmerzen. Gefühle? Überraschung, Irritation. Aber keinen Schrecken. Was noch mehr überrascht als der Schlag selber. Diese Faust. Der Boxhandschuh trifft Stirn und Nasenansatz, wirft den Kopf leicht nach hinten. Der Gedanke später im Training: Wäre der Schlag zwei Zentimeter weiter unten gelandet, die Nase wäre futsch. Und wäre er härter gewesen, wäre ich auf der Matte gelandet.

Eine Idee von einem Treffer

Boxtrainer Beda Mathis vom Boxclub Sportring im Langstrassenquartier wollte dem Anfänger mit dem angedeuteten Schlag eines zeigen: was passiert, wenn er beim Boxen die Faust nach vorne schlägt und mit ihr die Schulter nach vorne drückt. Und damit auch den Kopf nach vorne bringt. Der liegt dann deckungslos offen. Der Gegner braucht nur noch draufzuschlagen.

Boxen bedeute nicht, dass man versuche, die Faust irgendwie im Gesicht des andern zu platzieren, sagt Mathis. «Beim Boxen braucht man den ganzen Körper, die Wucht des Schlags kommt aus der richtigen Bewegung, die in den Beinen beginnt und schliesslich aus den Hüften kommt.» Und so übt man zu Beginn in den Einführungstrainings nicht das Boxen mit den Fäusten, sondern die richtige Fussarbeit. Schulterbreit ist die Fussstellung, der stärkere Fuss etwas zurückgesetzt. Eine leichte Kauerstellung, der Schwerpunkt zwischen den Füssen. Dann gilt es, die Schritte zu lernen. Die erste Hälfte des Trainings ist eher Tanzkurs als Kampfsport. Schritt für Schritt nach vorne. Schritt für Schritt nach hinten. Schritt für Schritt nach links. Schritt für Schritt nach rechts. Beda tanzt vor, wir tanzen nach. Der Neo-Boxer betrachtet sich im grossen Spiegel. Und sieht, wie ungelenk er ist.

Den Rhythmus fühlen

Dann die Schläge. Mit der Führhand, mit der Schlaghand. Drehung in der Achse, Gewichtsverlagerung in den Füssen. Das soll den Fäusten die Energie, die Kraft mitgeben, die dem Gegner Schmerzen zufügen, ihn in Angst und Schrecken versetzen. Wir tanzen weiter.

Schritt- und Schlagübungen mit einem Partner folgen. Die bandagierten Hände kontrolliert aus der Körperrotation nach vorne führen. Zum Schluss gibts eine Art Sparring: zweimal drei Minuten mit Boxhandschuhen, wiederum sind die Schultern Ziel der Fäuste. Mein Gegner, leicht grösser und mit etwas mehr Erfahrung, landet Treffer um Treffer, blaue Flecken zieren die Partie am nächsten Morgen. Ich verliere bald die Koordination: Ver­suche abzuwehren, öffne dadurch meine Deckung. Stolpere über meine Beine. Und versuche verzweifelt, selber einen Schlag anzubringen.

Der Sog hinauf in den RingTeil 3

Hätte Trainer Beda Mathis beim Sparring auch nur einmal halbwegs richtig zugelangt – ich wäre zu Boden gegangen und nicht mehr aufgestanden. Beda traf zwar wiederholt Kinn, Stirn und Schläfe, deutete mit seinen Schlägen aber nur an, was für ihn – und mich – möglich gewesen wäre. In den zweimal drei Minuten hat meine Rechte ihn einmal am Bauch getroffen – nicht hart, aber immerhin.

Der Fotograf hat dieses Erfolgserlebnis mit seiner Kamera festgehalten. Dieses vermeintliche Erfolgserlebnis. Nicht dokumentiert hat er nämlich, was danach passierte, weil es einfach zu schnell gegangen war. Sekundenbruchteile nach dem Schlag in den Bauch trifft Bedas Führhand meinen Kopf. Booom, einmal mehr. Meine Deckung lag offen, wie so oft in diesen zweimal drei Minuten.

Keine Zeit für Gedanken

Im Ring fehlt dem Boxer die Zeit, über Gelerntes nachzudenken, die Abläufe müssten instinktiv erfolgen, sagt Beda. Im Kampf bleibe das oft auf der Strecke. Das gehe dem Profi so. Und erst recht dem Anfänger, wie ich weiss. So sehe ich im Sparring Bedas Führhand auf meinen Kopf zukommen. Statt die Deckung oben zu behalten und den Kopf zu schützen, versuche ich, seine Führhand mit meiner abzuwehren, wegzuschlagen – ein unsinniges Vorhaben.

Die Abwehr fordert die ganze Konzentration. Der Körper neigt sich nach vorne, ist aus dem Gleichgewicht. Die Füsse stolpern. Die Fäuste dirigieren, der Körper geht mit. Dabei sollte der Körper die Fäuste führen. Woher Bedas Schlaghand kommt, ist ein grosses Rätsel, gesehen habe ich sie nicht. Gespürt aber schon. Am Kopf. Genauer: an der Schläfe. Boxen. Dass ich überhaupt für einen Zweikampf in den Ring gestiegen bin – auch nur für einen angedeuteten –, lag jenseits jeglicher Vorstellungen vor drei Wochen. Ein paar Stunden in Einsteigerkursen, eine private Lektion, das war meine Idee. Das Ziel: eine Ahnung erhalten, was Boxen sein könnte. Bewegungsabläufe trainieren. Einmal Boxhandschuhe anziehen, um vielleicht eine Vorstellung zu erhalten, wie sich ein Boxer fühlt. Ein Bild für die Zeitung, wie ich hinter meinen Fäusten aus der Deckung hervorschaue. Die Gerade lernen und am Boxsack üben. Und auf den Speedball eindreschen. Aber nie und nimmer: Boxen im Ring.

Die Faszination des Boxrings

Doch bald war diese ungeahnte Anziehung da, eine Art Sog hinauf auf das grosse, quadratische Podest. Das über der Trainingshalle im Boxclub Sportring Zürich thront. Der Boxring, mit vier elastischen Seilen umspannt. In dem Vereinsmitglieder hektische und schnelle Trainingskämpfe führen. Und nach dreimal drei Minuten ausgepumpt und nach Atem ringend auf dem Boden kauern.

Es brauchte nur noch die Anmerkung des Fotografen: «Für die Bilder wäre es gut, euch im Ring zu sehen.» Obwohl klar war, dass ich als blutiger Anfänger nicht einen vernünftigen Schlag bei Trainer Beda anbringen würde, brauchte es keine zweite Aufforderung. Beda landete Treffer um Treffer. Provozierte, indem er sich nur noch mit der Führhand deckte und seine Schlaghand baumeln liess. Und ich, ich versuchte zu boxen. Ihn zu schlagen. Auf die Schulter, die freilag. In den Bauch. Meist wehrte Beda diese versuchten Schläge ab, oftmals ging die Faust einfach ins Leere. Was ich erst später feststellte, als ich diese insgesamt sechs Minuten meines ersten – wenn auch nur angedeuteten – Kampfs Revue passieren liess: Bedas Kopf habe ich nie versucht zu treffen.

Dranbleiben um zu gewinnen

Die amerikanische Autorin Joyce Carol Oates schrieb übers Boxen: «Im Boxen geht es viel mehr ums Scheitern als um den Erfolg.» Obwohl ich im Ring keinen einzigen zählbaren Treffen gelandet habe, empfinde ich es nicht als Scheitern. Scheitern wäre viel eher, jetzt mit dem Boxtraining aufzuhören.